Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Der Gof
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 304 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Spanier: Gesicht eines alten Juden Deine Augen weinen mich an, fremd und scheu aus morgenländischer Tiefe, Hiobs Leid und Jeremias verzweifelte Klage. Deine Lippen, von Schmerz gepreßt, mahnen stumm. Sie verschweigen die Frone, Rute, Zucht und Gettomauern. Kalt und grau ruht deine Stirn, müde, zerfurcht. Zu viel hat sie durchdacht Talmud, Wissenschaft, Gesetzesmacht. Insel und Wälder ruhen in deinem Gesicht, Menschen und Feste, Kinder- und Greisesverzücken. Babels Zinnen, Spaniens Gärten und Rußlands Gericht. Erde bist du mit Himmelstau gemischt. irdischen Sünde vor dem Herrn stehe; weil eine einzige Harmonie zwischen Gott und Mensch, Eltern und Kindern bestehe. So ähnlich hat es uns der alte Raw erklärt. Unser Chasen hat diesmal den ersten Satz des Sch'ma Jisroel beendet. Und dann sollte er seine Pflicht erfüllen, und „Boruch Schern k'waud malchussau l'aulom woed!" laut singen. Alles wird plötzlich noch weißer, die Totenkleider, eure Gesichter. Keinen Laut hört man in der Schul. Ja, was ist denn geschehen, sind wir alle verzaubert, sind wir gestorben? Alles fließt ineinander. Aber mit einem Schlag wird mir alles klar. Wir alle hielten diese Pause unbewußt mit ihm durch, und ihr meintet vielleicht, daß es so in den Noten stünde. Mir kam die nur eine viertel oder vielleicht eine halbe Minute währende Pause wie eine Ewigkeit vor. Der Chajim faßte sich an die Kehle, als wollte er mit seinen Fingern die Worte, die Töne herausreißen. So dauert der stumme Kampf zehn, zwanzig, dreißig Sekunden. Endlich, endlich ringt es sich aus ihm heraus: „B-o-r-u-ch", wieder vergehen scheinbar ewig dauernde Sekunden, „Sch-e-m...", und ich atmete auf, als die letzten Worte „Paulom woed...!" verhallt waren. Ich glaubte schon, kein Wort käme mehr über seine Lippen. Aber Gott muß ihm geholfen haben." 304