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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Der Gof
Date
1935-09-01
Page
306 (sequence 6)
Language
German
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Felix Gut: Der Gof sein, ein guter Jud', der Gof? Mal singt er die Gebete begeisterter als wir, dann läßt er sich wochenlang nicht in der Schul blicken, als ob er da nichts mehr zu suchen hätte. Vor dem Ende des Jigdal-Liedes, wenn die Worte von der Auferstehung kommen, geht er immer laufen. Hat er Angst davor, will er nicht daran erinnert sein, oder glaubt er nicht mehr daran? Wer soll das noch verstehen? Der Gof hat dem Chajim ganz einfach für nichts und wieder nichts den Kopf verdreht. Kunststück: beten, fromm sein, wenn man froh und glücklich ist, und zum Leibhaftigen werden, wenn's mal schief geht! Und der Satan hat es leicht, wenn's Unglück zu lange dauert ..." Da jetzt niemand mehr das Wort nahm, konnte Jakob zum Ende kommen: „Der Gof rannte dann schnurstracks weg. Ich verfolgte ihn, weil ich dachte, es ist nicht gut, ihn allein in der Erregung — oder war's schon Verzweiflung? — laufen zu lassen. Er klettert den Rosenberg hinauf, hoch überm Dorf, ich immer leis hinter ihm her. Und am Teufen, wo man den See vor sich sieht, begann des Chasens Gof zu beten, doch sagte er vorher: „Mich soll niemand mehr beten hören." Müde ließ er sich dann ins hohe Gras fallen. Ich höre die gut vertrauten Worte aus der Tefilla. Er unterbricht mehrmals seine Andacht und weint ins Gras hinein, weint lange. Nicht weit von ihm liege ich hinter einem Strauch und höre deutlich sein Schluchzen. Dann betet er wieder und zerreißt schließlich ein Bild in kleine Stücke. Gräbt mit seinen Händen eine Vertiefung in die Erde und legt die Papierschnitzel behutsam wie Tote, wie Schemaus1), hinein. Dann ist er eingeschlafen, und ich verließ ihn, ohne daß er mich bemerkt hätte. Der alte Chasen hat bis jetzt nicht erfahren, daß sein Sohn, der Gof, noch beten kann; seit jenem Erew Jom-Kippur steht er unter dem Eindruck, daß auch sein Sohn ein Sünder wurde. Aber ich weiß seit heute nicht mehr, ob der ein Frommer oder ein Gottloser war. Der Gof hat sich gestern im See ertränkt. In seinem Rock hat man nur das aus dem Machsor herausgerissene Kolnidre und ein Zettelchen mit dem Worte „unzulänglich" gefunden." Die Alten erhoben sich schwer und müd. Der Schammes fragte nur noch: „Ob der Chajim die Worte nächstes Jahr leichter singen kann? Für den Gof . . ." Dann sandte das flackernde ewige Licht seinen Schein aus der Synagoge in die Nacht. J) „Schemot" sind unbrauchbare Gebetbücher (so genannt mach dem „Namen" Gottes), die ehrfürchtig begraben werden. 306

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