Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Der Gof
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gof wie jedes Jahr davor. Da möchte man ihm immer wieder die Hände drücken und danken, daß er uns aus allem Traurigen herausreißt und uns neuen Mut macht. Für ein ganzes Jahr." Der Golem-Siegmund konnte nicht mehr länger schweigen und glaubte, sein Teil zu des Rätsels Lösung beitragen zu müssen, obwohl ihn seit langem niemand mehr ganz ernst nahm: „Warum macht ihr dem Chajim nur so viel Komplimente? Jawohl 's war gut gesungen, gedacht hat er auch was dabei. Beim alten Lißberger hat er singen und denken gelernt. Weshalb zerbrecht ihr noch eure Köpf?" Um weitere Scherze zu unterbinden, mischte sich jetzt der harte Moritz ein: „Und du hast recht, Jakob, die Kerzen haben gar nicht mehr so hell gebrannt; der Leopold hat sogar geweint, 's war also was los. Nun sag schon, was uns in der Nacht entgangen ist." Jetzt hatte der alte Jakob wieder freie Bahn: „Ihr bekommt's nie heraus. Kolnidre hat unser Chasen schön gesungen, da hat er alles Leid weggeschwemmt. Für uns. Und als er seelenruhig wie sonst — ganz ruhig war er — sein Borachu angestimmt hat, da hat er's hell in uns gemacht, und feierlich wie alleweil. Das war schon der Frieden der Ewigkeit. Sein Borachu war der Frieden. Ja, Freunde, jetzt kommt die Sache; beim Schema, beim Sch'ma Jisroel, da hat es unseren Chajim gepackt. Ich sehe es noch, wie seine Stirnadern anschwellen, wie er seinen weißen Gebetmantel fester an sich zieht. Was ist los?, denke ich, der Chajim wird uns doch nicht gerade jetzt krank werden? Sing* weiter, Chajim, hätt' ich ihm fast zugerufen ... Ihr habt das alles nicht gemerkt. Ihr habt eben die richtige Andacht gehabt. Nur ich, ich ganz allein, hab' das sehen müssen; den Kampf ums Schema. Ja, das könnt ihr nicht verstehen. Ist aber einfach. Man betet das Schema, dann ist's gebetet. Fürs ganze Jahr stimmt es. Aber ich weiß nun, daß es in der Kolnidre-Nacht nicht so sein muß. An diesem einzigen Abend des Jahres — jetzt macht ihr Augen, weil ihr's halt wieder nicht gewußt habt — muß der Chasen nach den Worten: „Sch'ma Jisroel adonai elohenu adonai Echod!" den nächsten Satz: „Boruch Schern k'waud malchussau l'aulom woed!" laut, mit erhobener fester Stimme singen. Ich weiß selbst nicht ganz genau, warum der Chasen diese Worte, die das ganze Jahr leise gebetet werden, laut sagen muß. Ganz genau weiß ich das nicht. Ich hab's wohl gewußt, denn mein Lehrer, der Rebbe Schlesinger, erzählte uns mal, daß in dieser einzigen Stunde des Jahres der sterbliche Mensch den Mut aufbringen dürfe und müsse, das Lob des Ewigen laut und unbeschwert zu verkünden, weil der Mensch in diesem Augenblick geläutert und befreit von aller 303