Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Der Gof
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Gut die sich im Laufe der Nacht oder des Tages im Gotteshaus angesammelt haben konnten, mit kräftigem, mehrmaligem Pochen an die Tür vertrieb. Nie war es Brauch gewesen, daß sich die Beter auch nach verrichteter Andacht nochmals auf dem alten Baum vor der Synagoge niedersetzten; aber an jenem Herbstabend, es war nicht lange nach der Kolnidre-Nacht, zogen sie nicht in ihre Häuser oder zum abendlichen Kartenspiel ins Wirtshaus. Nein, an jenem Herbstabend änderten sie den Brauch, und selbst der Synagogendiener, der ewig Stehende, nahm am äußersten Ende des Stammes Platz, malte mit seinem Stock hebräische Buchstaben in den Sand, wobei er aber sehr andächtig der Erzählung des alten Jakob lauschte. Der alte Jakob war der beste Beobachter der Gemeinde und ihrer gottesdienstlichen Vorgänge, und alles wußte er immer vor den anderen; wenn jemand — und das geschah noch oft in früheren Zeiten — sich verlobte, sich verheiratete, wenn jemand sterben wollte, und was sich sonst so im stillen Dorfleben abspielte. Er beobachtete immer sehr genau und wußte alles im voraus. So daß er natürlich nie erstaunt war, wenn andere Gemeindemitglieder ihm Neuigkeiten erzählten. Und da er immer alles im voraus wußte, verstand er seine Neugierde so gut zu beherrschen, daß niemand merkte, wenn er auch mal etwas nicht gewußt hatte. — Aber am letzten Kolnidre-Abend hatte Jakob etwas bemerkt, was allen entgangen war, und so mußte das Ereignis denn in einer außergewöhnlichen Sitzung auf dem alten Baumstamm wider allen Brauch nach Maariw berichtet und erörtert werden. Die Dorfkirche hatte eben ihr abendliches Geläute begonnen, da stellte der alte Jakob die Frage, auf die er schon von vornherein verneinendes Kopf schütteln erwartete: ^Ist euch beim letzten Kolnidre-Abend nichts aufgefallen?" Natürlich war keinem etwas aufgefallen, denn die Kolnidre- Atmosphäre, die eine durch nichts zu brechende Andacht erzwingt, ließ keinen der Beter zur Betrachtung eines anderen kommen; auch an das sonst übliche Beobachten des Vorbeters dachte in dieser Nacht niemand — alle waren in dieser Stunde mit ihrem Gott verwachsen, in allen wurden Hoffnungen und geheimste Wünsche wach, die sich über das ganze Jahr hinzogen, bis zum nächsten Jom-Kippur, bis zur Kolnidre-Nacht des nächsten Jahres, die zum Guten über die Gemeinde G.. kommen sollte. Jetzt muß gesagt werden, daß Chajim, der alte Chasen, an den vor der Synagoge stattfindenden, meist profanen Beratungen nie teilnahm und sich nach dem Schlußgebet sofort in seine Amtswohnung begab. Und so konnte denn der alte Jakob unbekümmert seine zweite Frage stellen: „Also, wer von euch hat's gemerkt? Beim Kolnidre selbst war noch alles in Ordnung. Klappte genau wie voriges Jahr, und 302