Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Das klassische Land der jüdischen Assimilation: Skandinavien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 300 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895546-2905297--08279-2905398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wladimir W. Kaplun-Kogan: Skandinavien Dänemark, Schweden und Norwegen bereits seit geraumer Zeit festgelegt. Diese Gleichberechtigung ist auch effektiv im Staatsleben durchgeführt. Da die Assimilation somit zweckfrei und nicht zur Umgehung rechtlicher Bestimmungen oder etwa mit dem Ziele des Eintritts in die Gesellschaft erfolgte, gelten auch die assimilierten Juden weiter als Juden, obwohl ihr objektiver und subjektiver Zusammenhang mit dem Judentum minimal geworden ist. Um so stärker — und das ist auch eine Besonderheit Skandinaviens — konnte sich die menschliche Verbundenheit dieser assimilierten Juden mit der jüdischen Gesamtheit offenbaren, wo die Not der Zeit jüdische Hilfe verlangte. Eine kulturelle Verbundenheit mit dem inneren Inhalt des Judentums läßt sich allerdings nicht so leicht, nicht so billig herstellen . . . Neben der alten, eingesessenen und assimilierten Schicht der skandinavischen Juden gibt es in allen drei Ländern noch eingewanderte Juden, die, hauptsächlich aus dem Osten, nach der ersten russischen Revolution und den darauf folgenden Pogromen des Jahres 1905 ins Land gekommen sind. Der gesellschaftliche Gegensatz zwischen diesen beiden Gruppen ist groß. Er ist nicht nur wirtschaftlicher Natur, indem die eingesessenen Juden wirtschaftlich und sozial eine Oberschicht bilden; er äußert sich auch sprachlich — die erste Generation der Eingewanderten spricht außer der Landessprache noch durchweg Jiddisch oder Russisch — sowie in der Verschiedenheit der jüdischen kulturellen Interessen. Während die Eingewanderten alle jüdischen Dinge noch als ihre ureigenen Angelegenheiten empfinden und behandeln, ist alles Jüdische für die Eingesessenen mehr oder weniger eine fremde Angelegenheit. Diese psychologische Einstellung war übrigens auch sonst in Europa bis vor kurzer Zeit zu beobachten. Der gesellschaftliche Gegensatz erzeugt, vor allem nördlich von Dänemark, gewisse Spannungen, die sich recht fühlbar machen. Mit einer kaum unterdrückten Bitterkeit erzählte man mir: „Es genügt nicht, daß man in Deutschland 900 Jahre ansässig war; für einen gewissen gesellschaftlichen Anschluß hier müssen es schon mindestens 100 Jahre im Norden sein." Es ist ein charakteristisches Zeichen des Zeitenwandels, daß die deutschen Juden nun auch zu den „Ostjuden" gerechnet werden. Die wirtschaftliche Situation der skandinavischen Juden, die so gut wie ausschließlich in den Städten konzentriert sind, zeichnet sich dadurch aus, daß die Berufsangleichung sich hier in etwas stärkerem Umfange vollzog als im sonstigen Europa. Auf dem Gebiete der Wirtschaft jedoch offenbaren sich auch in den „klassischen Ländern der Assimilation" die merkwürdigen Eigenarten der jüdischen Ökonomik. Während z. B. in Kopenhagen der Anteil der Juden im Handwerk und in der Industrie ungefähr genau so groß ist wie bei der Gesamtbevölkerung, beschäftigen sich mit 300