Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Das klassische Land der jüdischen Assimilation: Skandinavien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 299 (sequence 2)
- Language
- German
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Wladimir W. Kaplun-Kogan: Skandinavien 19. Jahrhunderts. Somit hat die Gestaltung der jüdischen Verhältnisse in Skandinavien unter den Nachwirkungen des für die Juden verhängnisvollen Mittelalters nicht gelitten. Sodann — und das ist vermutlich die Hauptursache — sind nach Skandinavien nur einzelne Juden gekommen, deren Zahl nie groß geworden ist. Auch heute leben in Dänemark nur etwa 6500 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 3,7 Millionen, in Schweden etwa 7000 unter 2,7 Millionen. Hiermit stellen die Juden Skandinaviens im Vergleich zum sonstigen Europa — abgesehen von Spanien, Portugal und Italien — den niedrigsten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung dar. Nun besagt aber das Gesetz der Zahl, das überall das jüdische Schicksal beherrscht: je größer die Anzahl der Juden in einem Lande ist, desto schlechter regelmäßig ihre wirtschaftliche Lage, desto schärfer treten alle Syptome des Judenproblems hervor. Mit seinem geringfügigen Anteil an der Gesamtbevölkerung ist Skandinavien ein Gebiet, in dem die Richtigkeit und die Wirkungen des Gesetzes der Zahl besonders gut beobachtet werden können. Allerdings werden seine Auswirkungen dort noch durch einen Umstand gemildert, der merkwürdigerweise beinahe nur für die nordischen Ländern gilt. In Skandinavien ist die einheimische Bevölkerung von einer Toleranz seltener Art erfüllt. Aus diesem Grunde konnte die Angleichung auf kulturellem und geistigem Gebiete sich umso leichter vollziehen. Auch die Mischehen sind nirgends so häufig wie in Skandinavien: in den Jahren 1900—1905 machten in Dänemark die Mischehen 48,2o/0 aller von den Juden geschlossenen Ehen aus! Das Entgegenkommen des Staatsvolkes hat die verhältnismäßige Assimilation stark gefördert, soweit allerdings — was immer wieder von neuem betont werden muß — ■eine solche in der Galut überhaupt möglich ist. Denn zu jeder Assimilation gehören, was leider allzu oft von den Juden selbst nicht verstanden wurde, immer zwei Parteien: die Angehörigen des Staatsvolkes und die Juden. Es genügt nicht, daß die Juden sich assimilieren wollen, — auch das Staatsvolk muß das wollen. Da sich in Skandinavien die beiden Parteien zumindest unbewußt darüber einig waren, gibt es hier tatsächlich in der obersten Schicht der jüdischen Bevölkerung assimilierte Juden. Diese skandinavischen assimilierten Juden muß man streng trennen von den Juden ähnlicher Observanz in den meisten anderen europäischen Ländern, die nur „Assimilationsjuden" sind, d. h. solche, die sich erst assimilieren wollen. Die Assimilation gelang, zumal in Dänemark, so vollkommen wie nur möglich, denn das Staatsvolk leistete bei diesem Prozeß keinen Widerstand, es unterstützte ihn sogar. Die rechtliche Lage der skandinavischen Juden wurde im Sinne einer vollständigen Gleichberechtigung in den drei Ländern 299