Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum in England
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 295 (sequence 3)
- Language
- German
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Judentum in England Gemeindemitgliedern vor, sie gingen in Kaffeehäuser statt in die Synagoge, ihre Frauen zeigten sich modisch dekolletiert, sie seien ständige Besucher der Oper und des Schauspiels und verlebten ihre freie Zeit in Klubs. Doch scheint damals deutsch noch mehr gesprochen worden zu sein als englisch; selbst der im Jahre 1842 gewählte Oberrabbiner Nathan Markus Adler aus Hannover hielt seine Antrittsrede noch deutsch. Die Rechtsbeschränkungen der Juden wurden nach und nach fallen gelassen; 1847 wurde in Baron Lionel de Rothschild der erste jüdische Abgeordnete gewählt, obwohl erst 1866 die Wahl eines Juden ins Abgeordnetenhaus legalisiert wurde. Inzwischen sind Juden in hohen Staatsstellungen keine Seltenheit mehr: hohe Richter, Staatsminister und Gesandte. Politisch kann man also in England von keinem Antisemitismus sprechen. Bisher ist noch kein Unterhauskandidat mit einem wenn auch nur verschleierten judenfeindlichen Programm aufgetreten. Gegenwärtig soll die Gesamt-Anzahl der Juden in Groß-Britanien und Irland 333 000 betragen (Jewish Year-Book 1935); darunter wohnen mehr als die Hälfte in London. In einer Gesamteinwohnerzahl von über 46 Millionen bilden sie also kaum 0,7 Prozent. Unter den Berufen, die sie ausüben, überwiegt der Handel; doch sind auch sehr viele Handwerker unter ihnen. So sind z. B. Herren- und Damenschneider, Zigarettenmacher und Pelzwarenarbeiter zum großen Teile Juden. Mit Landwirtschaft beschäftigen sich wenige, aber sie überschwemmen auch die gelehrten Berufe nicht. Die Zahl der jüdischen Ärzte in London ist ungefähr 5o/0 der Gesamtzahl, die der Rechtsanwälte kaum 3<y0. Das erklärt sich zunächst daraus, daß England in erster Linie ein Geschäfts-Zentrum ist; aber es spricht auch die Tatsache mit, daß der Engländer weniger auf äußere Titel gibt als der Mittel- und Osteuropäer. Der Sohn eines Lord ist nur ein einfacher „Mister" und wird auch so angesprochen, der Doktor-Titel wird bei Unterschriften nie und im Verkehr nur Ärzten gegenüber gebraucht. Wenn das Streben der Juden nach Wissen und Wissenschaft auch in England in der großen Anzahl jüdischer Universitätsstudenten in Erscheinung tritt, so widmen diese sich später doch zum großen Teil einer geschäftlichen Tätigkeit; jedenfalls kann von einem Andrang der Juden zu akademischen Berufen keine Rede sein. Ebensowenig ist dies vom Finanzmarkt zu sagen; die größten Banken haben keine Juden in leitender Stellung, und die Zahl der jüdischen Privatbanken ist nicht groß, obwohl einige davon dem Namen nach sehr bekannt sind, wie die Rothschilds, Samuel Montague und Seeligmann. Aus der eben angeführten beruflichen Gliederung folgt, daß die meisten Juden in größeren Städten wohnen; in London ungefähr 160 000—170 000, Manchester 40 000, Leeds 25 000, Glasgow 16 000. Da es in England keine Religions- und noch viel weniger 295