Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum in England
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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C. Duschinsky Mayor haben. Während aber in anderen liberalen Ländern, wie in Frankreich und Italien, die den Juden gewährte Freiheit einen Rückgang ihrer Anzahl bewirkte, hat sich das Judentum in England, wenn auch durch zahlreiche Einwanderung vom Osten, als selbstbewußtes, schaffendes Judentum erhalten. Der Einfluß der mehrere Generationen im Lande lebenden Juden, wenn diese selbst auch durch Assimilation und Mischehen immer weniger wurden, war doch stark genug, eine Anglisierung der Einwanderer, insbesondere ihrer Kinder hervorzurufen, so daß die offiziell führende Gemeinde, die United Synagogue, in englischer Weise geführt wird. Die Predigten werden englisch gehalten, im Gottesdienst haben Gebete in englischer Sprache Eingang gefunden, die Rabbiner, Prediger und Kantoren erscheinen in Talaren, die denen der englisch-protestantischen Geistlichen entsprechen. Nur die Einwanderer, die den Arbeiterklassen angehören, bewahren im East-End von London oder in anderen jüdischen Massenniederlassungen das alte religiöse Leben mit seinem östlichen Charakter und haben eigene Synagogen mit polnisch-russischem Ritus gegründet; diese bilden seit 1884 einen eigenen Synagogenverband unter dem Namen „Federation of Synagogues". Bekanntlich hat Rabbi Manasse ben Israel aus Amsterdam 1656 von Oliver Cromwell die Erlaubnis zur Wiederansiedlung der- Juden in England erwirkt. Die ersten Ansiedler waren Sefardim; meist waren sie wohlhabend und beschäftigten sich in ziemlich großem Stile mit der Ein- und Ausfuhr von Waren und mit Geldgeschäften. Aber schon 1670 gibt es eine kleine Gemeinde von aschkenasischen Juden, d. h. Einwanderern aus Deutschland, Polen und den angrenzenden Ländern. Sie wurden nicht gleich als vollberechtigte Bürger aufgenommen; Ende des 17. Jahrhunderts tauchten sogar Vorschläge auf, sie, wie in kontinentalen Ländern, in besonderen Judenvierteln (Gettos) zusammenzufassen. Sie mußten eine spezielle Steuer zahlen, um ihren Geschäften im Lande nachgehen zu können, und waren formell auch vom Grundbesitz ausgeschlossen, obwohl dieses Verbot tatsächlich nicht befolgt wurde. Die aschkenasische Gemeinde wuchs weit stärker als die sefardische, obwohl diese noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die führende Rolle spielte. Ein politisches Komitee zur Vertretung der Interessen der Judenheit in England und in anderen Ländern wurde von Mitgliedern beider Gemeinden unter dem Namen „Board of Deputies of English Jews" 1760 gegründet. Schulen, Spitäler, neue Synagogen entstanden, und die Gemeinde entwickelte sich von Jahr zu Jahr. Mit dieser Entwicklung war aber auch eine Assimilation verbunden. Schon Hirschel Loebel, oder wie er hier genannt wurde Hirschel Levin, nachmaliger Oberrabbiner von Berlin, der von 1756 bis 1762 Rabbiner in London war, wirft seinen 294