Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden in Holland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 292 (sequence 6)
- Language
- German
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F. Bernstein: Die Juden in Holland dazu geeignet sind, überall produktiv sein, wo man es ihnen erlaubt. Aber diese Produktivität ist nur dann als jüdisch zu bezeichnen, wenn man sich als Kriterium dafür schon mit dem Jude-sein des Produzenten begnügt. Die Art, in der etwa die sogenannte Wissenschaft des Judentums — auch in Holland — betrieben wird, unterscheidet sich in keiner Weise von der nichtjüdischen. Es gibt eben, neben einem vermeidlichen Assimilations s t r e b e n, einen unvermeidlichen (von den Zionisten als tragisch betrachteten) Zustand so vollständigen Assimiliertseins, daß er ein jüdisches Leben, welches streng genommen diesen Namen verdient, unmöglich macht. Damit ist durchaus nicht gesagt, daß nicht große jüdische Gruppen in den Ländern der Diaspora sich erhalten können, wenn man ihnen das Leben nicht von außen her unmöglich macht. Was dies anlangt, kann die Prognose für Holland günstig lauten, wenigstens vorerst. Der Antisemitismus, der allerdings in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat, wirkt in den bisher vorkommenden Äußerungsformen eher konservierend als bedrohlich. Von tatsächlicher Bedeutung ist bis jetzt nur der gesellschaftliche Antisemitismus gewesen, der in Holland — man leugnet es, aber es ist so — von jeher kräftig entwickelt war und an Stärke wahrscheinlich den deutschen der früheren Zeit übertraf. Seit dem Jahre 1933 sind auch auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet Ansätze vorhanden, denen aber im Moment noch keine erhebliche Bedeutung zukommt. Bei der Beurteilung der antisemitischen Verhältnisse Hollands ist zu beachten, daß dem viel langsameren Assimilations - prozeß auch eine viel langsamere Entwicklung der antisemitischen Widerstände entspricht Es ist an sich durchaus natürlich, daß sich das holländische Judentum bis vor kurzem in ungefähr derselben fast idyllischen Lage befand wie etwa die deutschen Juden in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man darf jedoch annehmen, daß sich der Zustand im Laufe der Zeit auch ohne ausländische Einflüsse verschärft haben würde. Inzwischen machen sich diese mit großer Kraft geltend, und niemand kann sagen, in welchem Maße sie eine ungünstige Entwicklung beschleunigen werden. Die zunehmende Bedeutung des Antisemitismus leitet sich ja nicht nur von gedanklicher Beeinflussung und bewußter Propaganda her; auch das Einströmen jüdischer Flüchtlinge und Emigranten fordert ihn, so daß sich die holländischen Juden den hereinkommenden deutschen gegenüber bei aller Hilfsbereitschaft im Grunde ebenso abweisend verhalten wie die deutschen Juden früher den Ostjuden gegenüber. Versucht man aus der Betrachtung des geschilderten Tatsachenkomplexes ein grundsätzliches Ergebnis abzuleiten, so darf das Folgende gesagt werden: Die früher einmal in manchen zionistischen Kreisen eifrig propagierte Theorie, daß das Diaspora- 292