Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden in Holland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 291 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895546-2905295--08266-2905389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Juden in Holland verräterisch Jüdischen beherrscht breite jüdische Kreise. Bedingungslose Annahme der herrschenden nichtjüdischen Normen auf allen Lebensgebieten ist Selbstverständlichkeit geworden; politische Assimilation steht im Zentrum des jüdischen Bewußtseins, auch und gerade beim größten Teil der jüdischen Orthodoxie; das jüdische Proletariat assimiliert sich auf dem Wege des Sozialismus an das nichtjüdische. Immerhin läßt sich feststellen, daß die Folgen des langsameren Assimilationsprozesses im innerjüdischen Leben bemerkbar sind. Mangels genügender Widerstände hat sich in Holland keine Ideologie entwickelt, welche die Assimilation jüdisch zu begründen versucht, — denn es ist ja erst der nichtjüdische Widerstand gegen den jüdischen Assimilationswillen, der die Notwendigkeit dazu hervorruft. Mangels genügender Widerstände hat die assimilatorische Richtung auch keine — ihrer inneren Tendenz in Wirklichkeit widersprechende — organisatorische Form angenommen. Eine Abwehrbewegung gegen den Antisemitismus ist trotz einiger Anläufe nicht zustande gekommen. Andererseits wurde der Zionismus von Anfang an — anders als etwa in Deutschland — fast nur von einheimischen Juden getragen, und in der gesamten zionistischen Bewegung Hollands findet man nur vereinzelte Ostjuden. Wahrscheinlich hängt es mit dem langsameren Verlauf des Assimilationsprozesses zusammen, daß in Holland auch die religiöse Reformbewegung nie recht Fuß fassen konnte. Obwohl die gesetzestreuen Juden nur eine geringe Minorität des holländischen Judentums bilden, steht die Kultusgemeinde auf orthodoxer Basis. Ein neuerdings unternommener Versuch, für die Reformbewegung Boden zu gewinnen, hat keine nennenswerten Resultate gezeitigt. Zwar herrscht auch in Holland die offizielle Fiktion, daß das Judentum nichts als eine Konfession neben anderen Konfessionen sei, aber man beschränkt sich darauf, sein Bekenntnis in einer nur finanziell verbindlichen Mitgliedschaft bei der Jüdischen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Offenbar fehlt im allgemeinen das innere Bedürfnis, den Abfall vom traditionellen Judentum durch Schaffung neologer Gemeinden zu konsolidieren. Andererseits ist auch nie ernstlich versucht worden, die jüdische Gemeinde zu einer sogenannten Volksgemeinde umzugestalten und ihr andere als rein religiöse Funktionen zuzuweisen. Dies hat seine Ursache hauptsächlich in einer bei der Mehrheit der holländischen Zionisten vorhandenen Überzeugung, daß opportunistische Bedürfnisse für eine sogenannte Galut-Politik in Holland vorerst nicht vorhanden sind und daß eine solche im Prinzip überhaupt zionistisch zwecklos ist. Die Frage, ob ein jüdisch-produktives Leben in der Diaspora möglich ist, hängt ab von der Definition dessen, was jüdisch-produldives Leben überhaupt ist. Juden können, wenn sie persönlich 291