Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden in Holland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 288 (sequence 2)
- Language
- German
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F. Bernstein verhältnismäßig wenig ausgesetzt ist. So erklärt sich neben dem bekannten Drang nach „Selbständigkeit" die Häufung im Handel, besonders im Kleinhandel (Großhandel und Geldgeschäft sind in Holland von altersher — anders als in Deutschland mit Ausnahme der Seeplätze — nichtjüdische Berufe und daher für Juden großenteils unzugänglich) und in den Vermittlungsberufen. So erklärt sich auch die Struktur des jüdischen Proletariats. Es umfaßt neben den Arbeitern der Diamantindustrie, die von Juden geschaffen und jüdisch geblieben ist, und einigen Arbeitern der Bekleidungsindustrie, die nur zu einem kleinen Teil in jüdischen Händen ist, vor allem die Straßenhändler. Neben den Vermittlerberufen stellt der Straßenhandel ja die äußerste wirtschaftliche Randposition dar, in welcher der Fremde zuerst und der Einheimische zuletzt ein Unterkommen sucht. Es gibt in Holland ferner eine erhebliche jüdische Besetzung in den freien akademischen Berufen. Jüdische Angestellte und Arbeiter findet man in der Regel nur in jüdischen Unternehmungen. Ferner gibt es jüdische Beamte. Darüber wird im Zusammenhang mit der Emanzipation zu sprechen sein. Da sich Warenhandel und Geldgeschäft in Holland seit je in nichtjüdischen Händen befinden, verleihen diese Berufe hier soziales Ansehen, das scharf von der Verachtung absticht, mit der sie in den Ländern belastet waren, in denen sie hauptsächlich von Juden ausgeübt wurden. Der in Holland vergleichsweise geringe Andrang von Juden zu akademischen Berufen findet vielleicht hierin eine teilweise Erklärung. Das früher bedeutende Provinzjudentum bröckelt schon seit langem ab. Diese Provinzflucht erklärt sich nicht nur aus den größeren Verdienstmöglichkeiten der Großstadt, sondern sie erweist sich als Vorwegnahme einer Wirtschaftsentwicklung, bei der viele Zwischenstadien im Warenverteilungsprozeß überflüssig werden. Zunehmende Gebundenheit der Wirtschaft führt im allgemeinen zu zunehmender Ausstoßung von Juden aus dem Wirtschaftsleben, ohne daß es dazu besonderer Maßregeln bedarf; es braucht nicht einmal eine ausgesprochene Absicht dazu vorhanden zu sein. Der Jude als Arbeitnehmer hat auch bei fehlendem programmatischem oder sogar bei unbewußtem Antisemitismus nur geringe Aussicht auf Beschäftigung; im allgemeinen kommt er nur im selbständigen Beruf so weit, antijüdische Vorurteile durch Leistungen kompensieren zu können. Diese Dinge liegen in Holland nicht wesentlich anders wie überall. II Die jüdische Bevölkerung Hollands stammt zu einem kleinen Teil von den im 17. Jahrhundert eingewanderten sefardischen Juden ab und zum größten Teil von Juden, die im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts aus Deutschland und Polen eingewandert sind. 288