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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 289

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Die Juden in Holland
Date
1935-09-01
Page
289 (sequence 3)
Language
German
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Die Juden in Holland Obwohl die Juden erst seit der französischen Revolution volle bürgerliche Gleichberechtigung besitzen, erfreuten sie sich vorher schon einer verhältnismäßig großen Bewegungsfreiheit. Der holländische Staat ist in Auflehnung gegen den katholischen Totalitätsanspruch des damaligen Spanien entstanden und hat so von Anfang an die religiöse Toleranz als Grundprinzip betrachtet. Das wirkte sich auf die Juden günstig aus: das historisch stark verankerte Toleranzprinzip erklärt viel von den in der Tat auffallend starken Hemmungen, die auch jetzt noch in Holland der Äußerung antisemitischer Empfindungen im Wege stehen. Die ganze Emanzipationsgeschichte der Juden in Holland ist von dieser Tatsache beeinflußt. In der Regel haben in der jüdischen Diasporageschichte freiheitliche Verhältnisse für die Juden zu Auflösungserscheinungen geführt. Es darf aber nicht übersehen werden, daß der Freimachung immer ein starker anti-jüdischer Druck vorauszugehen pflegte und daß die Abweisung des Judeseins auch in der Freiheit anhielt, so daß möglichste Entjudung zu ihrer stillschweigenden oder ausdrücklichen Bedingung wurde. Offenbar ist ein Zusammenhang zwischen der Stärke des Drucks vorhanden, unter dem eine jüdische Ghettobevölkerung vor der Emanzipation lebte, und dem Maß der Gewaltsamkeit, mit der sie sich bei entstehender Möglichkeit in die Assimilation hineinwarf. In Deutschland und Österreich leitete die Aufklärungsepoche eine stürmische jüdische Assimilationsperiode ein. Diese führte zu Höhepunkten gesellschaftlicher Berührung mit den höchsten nichtjüdischen Gesellschaftsklassen lange vor der politischen Emanzipation, wie sie n a c h erfolgter Emanzipation faktisch nicht mehr erreicht wurden; es waren die bereits weitgehend assimilierten Juden, die bei ihren nichtjüdischen Freunden die Emanzipation betrieben. In Holland dagegen traf die Emanzipation ein noch fast ganz abgesondertes Judentum, das die Gabe der Zeit anfangs nur mit gemischten Gefühlen in Empfang nahm. Es hat sich erst als Folge der Emanzipation, anfänglich sehr zögernd und im ganzen langsam aus seiner jüdischen Geschlossenheit gelöst. Die Assimilation war eine verhältnismäßig späte Folge der Emanzipation. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts und darüber hinaus sprach ein großer Teil der holländischen Juden nicht holländisch, sondern ein deutsches, von dem polnisch-russischen ganz verschiedenes Jiddisch. Das Amsterdamer Ghetto hat sich bis in unser Jahrhundert hinein erhalten, und noch heute ist ein Rest davon vorhanden, der sich durch seinen mit deutsch-jiddischen Worten durchsetzten holländischen Dialekt stark von der nichtjüdischen Bevölkerung unterscheidet. Geringerer Druck von außen hat also in Holland den Verlauf des Assimilationsprozesses erheblich verlangsamt. Infolge- 289

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