Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden in Holland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 287 (sequence 1)
- Language
- German
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F. Bernstein (Rotterdam): Die Jttdetl itl Holland I. Die Zahl der holländischen Juden wird gewöhnlich mit 12000 Seelen oder ly2o/o der Gesamtbevölkerung angegeben. Die Angabe ist sicher zu niedrig. Sie stützt sich auf die Größe der Religionsgemeinden, deren Mitgliedschaft in Holland aber vollkommen freiwillig ist. Das holländische Standesamt kümmert sich weder um die Religionszugehörigkeit noch um die (als staatsrechtlicher Begriff in Holland nicht existierende) Rassenzugehörigkeit. Eine nicht zu ermittelnde, aber wahrscheinlich beträchtliche Zahl von Volljuden steht außerhalb der Religionsgemeinde, zum Teil in der Illusion, so leichter dem Judentum zu entfliehen, zum Teil aus antireligiösen Motiven, die ein Bekenntnis zum Abstammungsjudentum nicht ausschließen, und zum Teil zwecks Ersparnis der Kultussteuer. Die Frage des wirklichen jüdischen Bevölkerungsanteils hat natürlich mancherlei Bedeutung. Unter den Juden Hollands ist es eine weit verbreitete Ansicht, daß die verhältnismäßige Milde des holländischen Antisemitismus besonders im holländischen Volkscharakter begründet sei, dem eine Unzugänglichkeit für antisemitische Neigungen zugeschrieben wird. Der Hinweis auf den gegenüber Deutschland so viel größeren jüdischen Bevölkerungsanteil soll die Beweiskraft der Theorie erhöhen. Amsterdam erscheint zunächst als Bestätigung dafür. Trotz seiner 70 000 Juden (10o/o der Einwohnerschaft) weist es keine merklich größere Intensität des Antisemitismus auf als das übrige Holland. Freilich wird die Tatsache als solche auch wieder bestritten. Beim Antisemitismus ist es ja für Stadia geringerer Stärke bezeichnend, daß objektive Feststellungen schwierig und die Angaben aller Beteiligten unzuverlässig sind. (Ungleiche Empfindlichkeit, Beobachtungsmängel, Leugnungsbedürfnis bei Juden und Nichtjuden, Definitionswirrnisse.) Wie dem auch sei: die starke jüdische Konzentration in Amsterdam führt leicht zu einer Gleichsetzung des Amsterdamer Judentums mit dem holländischen, die nicht ganz berechtigt ist. Im allgemeinen hängt die Wohnortgliederung natürlich eng mit der Berufsgliederung zusammen. Diese ist bei den holländischen Juden besonders sichtbar von der Tatsache bedingt, daß die Juden ihre Berufe nur in einem sehr beschränkten Sinn wirklich wählen; sie üben vielmehr die Berufe aus, die nicht von vornherein in den Händen der nichtjüdischen Bevölkerung (und darum für Juden beinahe unzugänglich) sind, und sie bevorzugen Berufe, deren Ausübung einer Behinderung durch antijüdische Instinkte 287