Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Italien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 285 (sequence 5)
- Language
- German
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Italien an der notwendigen Energie und Betriebsamkeit Taufen und Austritte sind jedoch selten und Mischehen kommen fast nur bei den neuzugewanderten Aschkenasim vor. Übrigens werden diese Zuwanderer von den Alteingesessenen gut aufgenommen; jede Furcht vor wirtschaftlicher Schädigung durch diese fehlt, und der italienische Jude teilt die allen Italienern gemeinsame Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit, die er besonders dem fremden Glaubensgenossen gegenüber zum Ausdruck bringt. Im letzten Jahrzehnt hat sich das jüdische Leben in Italien durch ein Ereignis von entscheidender Bedeutung gewandelt: durch die von der faschistischen Regierung im Sinne ihrer straffen korporativen Organisation herbeigeführte, am 30. Oktober 1930 beendete Neuorganisation, das sogenannte Gemeindegesetz, das den Zusammenschluß aller jüdischen Gemeinden nach einheitlicher Regelung vorsieht, wurden die Juden enger zusammengeschlossen und damit auch zur Selbstbesinnung gezwungen. Der Vorteil, den diese Vereinheitlichung der gesamten Judenheit Italiens gebracht hat, ist besonders anzuerkennen. Denn vorher hatte die Desorganisation, die sich aus der früheren Spaltung des italienischen Staates und aus der historischen Verschiedenheit in der Gesetzgebung der ehemals souveränen Einzelländer (Königreich Sardinien, österreichisches Gebiet mit Toskana und Venetien, Kirchenstaat, Königreich Neapel) ergab, den Juden vielfach Gelegenheit geboten, sich ihren finanziellen und kulturellen Verpflichtungen der jüdischen Gesamtheit gegenüber zu entziehen. Das neue Gemeindegesetz war zunächst von jüdischer Seite mißtrauisch und ängstlich erwartet worden. Man glaubte, die Zusammenfassung werde zugleich eine Abtrennung und Bloßstellung bedeuten. Diese Furcht kann bisher als grundlos angesehen werden. Nach wie vor empfindet der nichtjüdische Italiener den italienischen Juden durchaus als Mit-Italiener, empfindet er die Gemeinschaft in seiner schönen Sprache, auf die er selbst so stolz ist. Dieser Nationalstolz wird von den italienischen Juden, auch von den meisten italienischen Zionisten durchaus geteilt. Der Zionismus hat zwar die Juden Italiens aus ihrer Lethargie aufgerüttelt, hat jüdisch-gesellschaftliche Zentren außerhalb der Synagoge geschaffen, wo die Möglichkeit einer Erneuerung des jüdischen Eigenlebens diskutiert wird, hat jüdische Zeitschriften gegründet und Bucherscheinungen gefördert, hat es aber trotz allem nicht vermocht, eine betont und bewußt jüdische Kunst in Italien zu schaffen oder gar eine kulturelle Bewegung, die man als jüdischproduktives Leben bezeichnen könnte. Jüdische Künstler in Italien sind zunächst Italiener und dann Juden und werden auch von ihrer nichtjüdischen Umgebung so bewertet. Weder von katholischer noch von jüdischer Seite nimmt etwa jemand Anstoß an einer Abendmahlsdarstellung des jüdischen Bildhauers Arrigo Minerbi. 285