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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 284

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Italien
Date
1935-09-01
Page
284 (sequence 4)
Language
German
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holte Bock Jude dem Italiener an Typ, Temperament und Art der Begabung sehr ähnlich ist, läßt keine Wettbewerbspsychose aufkommen. Eine Nation, die wie die italienische der Welt die vorzüglichsten Kaufleutc gestellt hat, die geradezu als die Begründerin des modernen kaufmännischen Systems bezeichnet werden kann, würde es mit ihrer Würde für unvereinbar halten, wollte man ihr nachsagen, daß sie von irgendeiner Gruppe von Menschen auf diesem Gebiet überflügelt werden kann. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort in Genua: der Grieche steckt drei Juden in die Tasche, der Genueser aber drei Griechen. Der innere Zustand des italienischen Judentums, sein Verhältnis zu religiösen Dingen, sein Bedürfnis, ein jüdisch-kulturelles Eigenleben innerhalb der italienischen Nation zu schaffen, sind nicht nach der Verschiedenheit der geographischen Lage der Gemeinden, sondern nach der Verschiedenheit der in ihnen vertretenen Typen zu beurteilen. Das für nordeuropäische Begriffe niedrigere kulturelle Niveau der Umgebung, der im Süden stets geringere Wissensdrang, die kontemplative Veranlagung des Südländers überhaupt, die in seiner Seele die Sehnsucht nach Neuem nur sehr bedingt aufkommen läßt, sind Faktoren, die auch für den italienischen Juden und seine Geisteshaltung richtunggebend sind. Die Eingesessenen wollen aus ihrer freiwilligen Beschränkung, aus ihrer Abgeschlossenheit gar nicht heraus, wollen nichts anderes sein, als ihre Väter waren, nichts anderes lernen, als diese gelernt haben, machen also von der ihnen gebotenen Freiheit nur sehr bedingt Gebrauch. Es folgt daraus ein starres Festhalten an den alten überlieferten Formen der Religion, ohne ein lebendiges Verhältnis zu ihr, ohne ein Reformbedürfnis, das es etwa den Frauen ermöglichen würde, zum Gottesdienst in innigere Beziehung zu treten. Das trennende, fast undurchsichtige Gitter, das heute noch in vielen Synagogen zu finden ist, erlaubt ihnen nur, ihre Plauderstündchen im Tempel abzuhalten. In der neuen Synagoge in Rom fehlt zwar dieses Gitter, dafür hat man aber dort die Frauen nach ihrer sozialen Stellung, d. h. die besser gekleideten von den armen getrennt; in der „Volks"-Abteilung kann man Frauen finden, die ihre Kinder stillen, — das Kindergeschrei stört, wie es scheint, die Andächtigen nicht sehr. Im Gegensatz dazu stehen die aus dem Osten über Triest eingewanderten Aschkenasim mit ihren weit größeren Assimilationswünschen und -fähigkeiten, jedoch mit einem erstaunlich geringen Interesse daran, das jüdisch-kulturelle Eigenleben im Lande zu fördern. Die Sorge darum bleibt den seit Jahrhunderten zugewanderten Sephardim überlassen, die ständig über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen klagen. Darunter leiden auch die humanitären Einrichtungen, denn es fehlt den jüdischen Wohlfahrtsorganisationen vielfach nicht nur an den nötigen Mitteln, sondern auch 284

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