Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Italien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 286 (sequence 6)
- Language
- German
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Lotte Bock: Italien Zum Abschluß des Gemeindegesetzes hat dieser eine Medaille geschaffen, auf der die Krone von Savoyen, das faschistische Liktorenbündel mit dem Davidsstern, einer Menora und den Gesetzestafeln einträchtig zusammenstehen. Der in Italien besonders stark ausgeprägte Sinn für regionale Sonderkultur begünstigte die Synthese von Landeskultur und positiv-jüdischem Bewußtsein. In einem Land, wo infolge des allgemein nicht sehr hohen zivilisatorischen Niveaus der landschaftliche Dialekt vor der Nationalsprache bevorzugt wird, fühlt sich der jüdische Genueser zu dem katholischen, und umgekehrt, stärker hingezogen als etwa zu dem jüdischen Venetianer, mit dem er ja italienisch sprechen müßte. Gesellschaftliche Ablehnung eines Juden auf Grund bloßer Zugehörigkeit zum Judentum ist, falls sein sonstiges kulturelles und wirtschaftliches Niveau dem der ihn umgebenden Gesellschaft entspricht, in Italien unmöglich. Die Voraussetzung zum gesellschaftlichen Verkehr ist allerdings, daß der Jude nichts Fremdartiges mit sich bringt und vor allem, daß er den Dialekt seiner Umgebung beherrscht. In diesem Falle pflegt der nichtjüdische Italiener ihn sogar als besonders interessanten und anziehenden Typ anderem Verkehr vorzuziehen. Ein politischer Antisemitismus ist in Italien infolge jeglichen Mangels an einer politischen Opposition ausgeschlossen. Eine Ausnahme mag der Versuch des Baron Evola bilden. Dieser sucht in enger Fühlung mit dem Nationalsozialismus für dessen Ideen Propaganda zu machen; derzufolge hört man in Italien allgemein die Ansicht aussprechen, daß die jüdischen Bankiers die Schuld an der Weltkrise trügen. Ein Antisemitismus auf rassischer Grundlage wird aus religiösen Gründen von der katholischen Kirche (also auch vom italienischen Volke), aus politischen von der faschistischen Regierung abgelehnt, da es dieser auf die Einheit ihres Korporationssystems ankommt, weshalb sie jede Gruppensonderung vermeidet. Der kulturelle Antisemitismus gibtsich ebenfalls alle Mühe, sich selbst zu verstecken. Führende Literaten wie Papini (Gog) und der Akademiker Panzini (Viaggio con la giovane ebrea, „Reise mit dem jüdischen jungen Mädchen", 1935) versuchen zu dem Problem Stellung zu nehmen. Letzterer feiert seine Titelheldin als Verkünderin des Italienertums und die Juden im („unerlösten") Dalmatien als Verbreiter der italienischen Sprache im Kampfe gegen das Kroatentum. Zusammenfassend kann man sagen, daß das italienische Judentum an Interesse gewinnt, weil es ein Beispiel dafür ist, wie Juden bei völliger Duldung ihrer religiösen und menschlichen Eigenart in einem Lande leben können, das sie voll Stolz als ihre Heimat bezeichnen und wo sie die (gegenwärtig schweren) Wirtschaftssorgen ihrer nichtjüdischen Mitbürger teilen. 286