Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Italien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 283 (sequence 3)
- Language
- German
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Italien Kultur sind eben die im ehemals österreichischen Gebiet zahlreichen, aus dem Osten über Triest eingewanderten Aschkenasim. Sie stellen auch den Hauptstamm für die kaufmännischen und geistigen Berufe. Landwirte sind unter den italienischen Juden kaum zu finden. Der Arzt- und Anwaltsberuf ist nicht besonders häufig vertreten; der Antwaltsberuf ist geradezu eine italienische Spezialdisziplin, weil der Italiener von katholisch-jesuitischer Schulung an kasuistischer Gewandtheit nicht leicht zu übertreffen ist. Juden fand und findet man unter den freien Schriftstellern (nicht unter den Journalisten), unter den Bühnenleuten, den Universitätslehrern und im Lehrfach überhaupt. Sie unterliegen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum keinerlei rechtlicher oder tatsächlicher Beschränkung. Ein typisches Beispiel ist Mario Falco, der Verfasser des neuen Gemeinderechts, der den Lehrstuhl des Kirchenrechts in Mailand innehat. Es gibt eine große Anzahl von mittleren Beamten unter den Juden. Auch höhere Beamten- und Offiziersstellen — als Kuriosum seien jüdische Gefängnisdirektoren erwähnt — stehen ihnen offen. Für den Nachwuchs an Marineoffizieren sorgt eine jüdische Marineschule in Livorno. Diese günstige Lage hat es verhindert, daß die Juden in Italien zu den unzufriedenen, umstürzlerischen Elementen gehören, mit denen das italienische Volk immer in reichem Maße gesegnet war; sie standen auch dem Faschismus von vornherein freundlich gegenüber. Der italienische Jude, der den italienischen Nationalstolz teilt, sich ganz als Italiener fühlt, begrüßte nach jahrelanger wirtschaftlicher Unsicherheit eine nationalistische kapitalerhaltende Partei, die nicht antisemitisch war. Der Jude trug, wie jeder andere Italiener, sein Abzeichen im Knopfloch, Juden gehören zu den „alten Kämpfern" der Partei. Auf dieses Bekenntnis zur Nation, auf diesen Heimatstolz würden auch die jüngeren Zionisten heute nur in seltenen Fällen verzichten wollen; es kommt eben zu keinem seelischen Konflikt; die faschistische Regierung übt keinen Druck aus — die jüdischen Zeitungen unterliegen im Gegensatz zu den nichtjüdischen nicht einmal der Zensur — und das gering entwickelte jüdische Eigenleben läßt auch subjektiv Probleme der Einordnung nicht entstehen. An der wirtschaftlichen Förderung des Zionismus und der jüdischen Palästina-Beziehungen — weniger natürlich an einer tatsächlichen Auswanderung — ist die faschistische Regierung interessiert. Die äußere Haltung des Juden wird in jedem Lande mehr oder weniger durch seine Gegner bestimmt. Wenn überhaupt, kann in Italien nur von einem Gegendruck auf religiöser Grundlage die Rede sein. Die uralten Argumente, die der Katholizismus seit Jahrhunderten ins Treffen führt, gelten in gewisser Weise auch heute noch. Ein wirtschaftlicher Antisemitismus ist jedoch nicht vorhanden. Die geringe Anzahl der Juden, vor allem aber die Tatsache, daß der 283