Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Italien
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lotte Bock von 50 000 Juden für ganz Italien (1/8 Prozent der Gesamtbevölkerung) ihm den Verfall einer großen Vergangenheit anzudeuten scheint. Diese 50 000 Juden nun verteilen sich fast ausschließlich auf die Gemeinden der nördlichen Hälfte der Halbinsel (Piemont, Ligurien, Toscana, Venedig, Mark Ancona usw.) bis nach Rom hinunter — eine Tatsache, die bei jedem jüdischen Italienreisenden falsche Vorstellungen über das wirkliche Zahlenverhältnis hervorruft und oftmals auch nichtjüdische Italiener verwirrt, denn sie vergessen, daß Sizilien und Süditalien fast judenfrei sind; diese Gebiete, die während vieler Jahrhunderte als Königreich unter spanischer Herrschaft vereint waren, rotteten, der Gesetzgebung ihres spanischen Mutterlandes folgend, die dort seit den Hohenstaufenkaisern blühenden jüdischen Kolonien aus. (Erst nach dem Auftreten Napoleons I. und nach der Einigung Italiens wurde in Neapel wieder — hauptsächlich durch Zuzug von levantinischen Juden — eine größere jüdische Gemeinde gegründet, die aber im Verhältnis zu den norditalienischen Gemeinden auch heute noch ganz unbedeutend ist.) Aber auch in den nicht von Spanien abhängigen Gebieten Norditaliens hatten die Juden vor der Emanzipation kein leichtes Leben. Mehrfach kam es zu Austreibungen, und diese Drohung schwebte ständig über ihnen. Aus diesem Zustand der Enge und Gefahr konnte den Einzelnen nur Taufe oder Auswanderung retten. Auf diese Weise sind dem Judentum viele gute Köpfe und Italien bedeutende Männer (D'Israeli, Moses Montefiore) verlorengegangen. Die zurückbleibenden Juden verharrten in einem Zustand dumpfer Trägheit. Sie klammerten sich zäh an die jüdischitalienische Überlieferung. Die treue Bewahrung der altitalienischen Sprache trug ihnen in Toskana den Beinamen der „Danteisierenden" (die Sprache Dantes Sprechenden) ein, während sich in Rom der jahrhundertealte jüdisch-römische (giudaico-romanesco) Dialekt erhalten konnte, der sogar eine eigene Literatur besitzt. Überhaupt sind jüdische Dinge in Verbindung mit altrömischen auch heute noch keine Seltenheit: das uralte römische W, das, je nach seiner aufwärts oder abwärts gekehrten Stellung, in der Arena Sieg oder Tod verhieß, in der heutigen Sprache also „ewiva" oder „abbasso" bedeutet, wird immer noch zum Ausdruck jüdischer Begeisterung oder jüdischen Unmuts an die Wände gemalt; so findet man wohl an der Mauer einer Synagoge ein „W Purim" als Synthese altrömischen und jüdischen Wesens. Der überwiegend phlegmatische Typ des altitalienischen Juden ist nicht geeignet, eine jüdische Kultur zu entwickeln. Träger der Kultur früherer Jahrhunderte waren die nach der spanischen Vertreibung eingewanderten Sephardim, die dem Kultus der meisten Gemeinden — bis auf Verona, das aschkenasische Tor des Ostens — ihren Stempel aufgedrückt haben. Träger der neueren 282