Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Frankreich und Nordafrika
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankreich und Nordafrika Großeinfuhr und Ausfuhrhandel, im elsässischen Osten der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und die ländliche Kreditgewährung. Von dem französischen Bürgertum sticht der Jude ab durch seinen Mangel an traditioneller lokaler und wirtschaftlicher Gebundenheit. Sein frischer Unternehmersinn geht Hand in Hand mit einer aufs höchste gesteigerten Familiensolidarität, die selbst dort wirksam geblieben ist, wo sonst kein bewußter Zusammenhang mit jüdischen Dingen mehr besteht. Von dem Gefühl der einfachen Befremdung des französischen Bürgers durch jüdischen Erwerbssinn und Familienzusammenhang, die in der französischen Literatur mehrere Male dargestellt worden ist, bis zum militanten Antisemitismus bleibt jedoch ein weiter Schritt. Ihn haben bisher nur das kleine Häuflein um Edouard Drumont und Leon Daudet getan. Ob und wie weit sich in den neueren politischen Gruppierungen ausgesprochen antisemitische Parolen durchsetzen werden, läßt sich einstweilen noch nicht übersehen. Immerhin zeigte der Dreyfus-Prozeß um die Jahrhundertwende, der mit der Rehabilitierung des fälschlich des Hochverrats bezichtigten jüdischen Offiziers endete, deutlich, daß auch in Frankreich der Antisemitismus mehr als eine Agitationsparole im Kampf der monarchistischen und reaktionären Minderheit gegen die republikanischdemokratischen Parteien war. Mit der Niederlage dieser Minderheit, für die der Ausgang des Prozesses nur der Gradmesser war, hörte jede laute, ernstzunehmende Kampfansage auf. Aber die Furcht vor den Juden hat in Frankreich einen religiös metaphysischen Unterton. Im Gefühlsleben gerade der Provinz schwingt weiter eine dumpfe Abneigung gegen das Volk, das den Heiland nicht erkannt hat. Im Rahmen des staatlich geschlossenen Frankreich stellt der Jude ein Element dar, dessen Non-Konformismus Hintergründe argwohnen läßt, wo doch in Wirklichkeit nur — Oberfläche ist. Die Religiosität des großstädtischen Juden in Frankreich ist überwiegend liberal-bürgerliche Zier familiärer Ereignisse — „benediction nuptiale" oder „pompes funebres". Der synagogale Apparat wäre nicht aufrechtzuerhalten ohne die Generosität weniger großer ahnenstolzer Wohltäter, vor allem immer Wieder der Familie Rothschild. Im elsässischen Osten sind stärkeres Gemeindeleben, Reste des Talmudstudiums und Ansätze einer zionistischen Organisation spürbar, gehemmt allerdings durch die seit 1870 andauernde jüdische Abwanderung nach Innerfrankreich. Dort überwiegen aber geistig die das Judentum verflüchtigenden Tendenzen, worüber weder die von östlichen Juden in Paris gegründeten jüdisch-politischen Zweigbüros hinwegtäuschen können noch das Hervortreten des jüdischen Motivs in der Roman-, Biographien- und Übersetzungsproduktion der französischen Nachkriegsliteratur. 279