Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden im Donauraum
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 275 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Juden im Donauraum hat. Sein Losungswort „Wir sind ein Volk" ist die Abbreviatur einer Erkenntnis, die unter führenden Köpfen der donauländischen Judenheit langsam und schmerzlich herangereift war. Es ist von höchster Aktualität, zu beobachten, an welche Grenzen die zionistische „Landespolitik" in den Jahren seit Kriegsende gestoßen ist. Im Jahr 1932 wurde mit Hilfe der Jugend die in sich so heterogene Wiener Kultusgemeinde erobert. Ihre Führung befindet sich heute in einem schweren Verteidigungskampf gegen den latenten Antisemitismus der Regierung und der Wehrverbände. In der Tschechoslowakei war schon 1918, mit der Konstituierung der tschechoslowakischen Republik, den Juden die Möglichkeit eröffnet worden, sich bei Volkszählungen zur „jüdischen Nation" zu bekennen. Von dieser Möglichkeit haben bei der Volkszählung von 1930 auf dem Gesamtgebiet der C.S.R. 57 o/o aller Juden, davon in Böhmen ungefähr ein Fünftel, in Mähren, Schlesien und der Slowakei über die Hälfte, in Karpatho-Rußland fast alle Juden Gebrauch gemacht. Keineswegs alle „Nationaljuden" der Volkszählung haben aber bei den Parlamentswahlen von 1935 die Kandidaten der national jüdischen Partei gewählt; vielmehr hat Rabbiner Spira seine orthodoxen Anhänger den Listen der tschechischen Agrarier zugeführt. Andererseits gibt es auch Nationaljuden, die der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören. Das Interesse des jungen tschechischen Staates an der jüdischen Nationalrubrik ist offenkundig. Es war nicht anzunehmen, daß die böhmischen und mährischen Juden, die sich bis dahin als Glieder eines großen Kulturdeutschtums empfunden und als solche die Abneigung der tschechischen Nationalisten auf sich gezogen hatten, mit einem Mal tschechischnational votieren würden. Das jüdischnationale Bekenntnis der Zionisten dagegen war unter dem Druck des sudetendeutschen Antisemitismus, der sich eben an der kulturellen Vorkämpferschaft der Juden für die deutschen Interessen entzündet hatte, für viele Juden naheliegend geworden. Das Ergebnis war in allen gemischtsprachigen Gebieten eine von den Bekennenden selbst unbeabsichtigte, gleichwohl aber unausbleibliche Schwächung der deutschen Minderheit. In den I1/2 Jahrzehnten, die seit der Bildung der Republik verflossen sind, hat sich dann auch eine allmähliche sprachliche Tschechisierung der Juden vollzogen. Die wenigen jüdischen Schulen, die bisher — ohne Staatshilfe — errichtet wurden, haben nicht wie im Osten als Lehrsprache jiddisch oder hebräisch, sondern begreiflicherweise tschechisch. Es fehlt also das eigentliche Substrat der nationalkulturellen Minderheitenpolitik, die abgesonderte Muttersprache. So kommt es, daß man in den mährischen Landgemeinden, in denen die Juden vordem deutsch bis auf die Knochen waren, heute nationaljüdisch votiert und — tschechisch spricht. Die Ausklammerung der Juden aus dem Nationalitätenstreit, die das Ziel der zio- 275