Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden im Donauraum
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 274 (sequence 4)
- Language
- German
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Werner Cahnmann In den Sudetenländern setzt der analoge Vorgang der Tschechisierung sehr viel langsamer und unter völlig anderen Vorzeichen erst seit 1918 ein. Bis dahin waren die böhmischen, mährischen, schlesischen Juden, selbst in tschechischsprachigen Gegenden, eine zuverlässige Stütze der deutschen Minderheit. Deutsches Theater und deutsche Universität in der Landeshauptstadt Prag hätten ohne jüdische Hilfe kaum aufrecht erhalten werden können. Der Anteil jüdischer Autoren an der Wiener und Prager Literatur, von den Zeitungsleuten angefangen bis zu den höchsten Höhen der Dichtung, ist überaus groß, ihr Anteil am gesamten Schrifttum der deutschen Juden überragend. Diese Literatur spannt einen weiten Bogen vom sublimierten Wienertum Schnitzlers und vom Prager Mystizismus Meyrinks bis zur klingenden Universalität Hofmannthals, in der zugleich, nach Josef Nadlers Zeugnis, „Wien zu seiner tiefsten Wesenheit erwacht" ist, von der Folklore eines Franzos und Kompert zum weltstädtischen Literatentum der Karl Kraus und Peter Altenberg, von den christlichen Anklängen bei Lipiner und Werfel zum barocken Humanismus von Stefan Zweig, um schließlich einzulenken in die jüdisch-bewußte Linie, die von Jakob Julius David über Richard Beer - Hoffmann, Max Brod und Martin Buber bis zu dem phantastisch versponnenen Prager jüdischen Kierkegaard Franz Kafka führt. So kann man sagen, daß aus jenem Raum geistige Wegbereiter der jüdischen Wiedergeburt erwachsen sind, denen die gesamte deutsche Judenheit zu tiefem Dank verpflichtet ist. Die Donaumonarchie, deren Gebiet heute von „Nachfolgestaaten" mühsam beherrscht wird, ist das Geburtsfeld des westlichen politischen Zionismus. Es war die Logik der Tatsachen, daß in einem Gebiet buntester nationaler Gemengelage auch die Juden auf den Gedanken kommen mußten, sich als eigene Nation „wie alle andern" zu konstituieren. Schon früh, 1882, wurde in Wien die erste jüdischnationale Verbindung „Kadimah" unter Führung von Nathan Birnbaum gegründet. Besonders aufschlußreich für die Stimmung, die „in der Luft lag", ist es, daß der Floridsdorfer Rabbiner und langjährige Reichstagsabgeordnete Bloch, einer der Gründer der „Österreichisch-Israelitischen Union", die nachher die schärfste Gegnerin des jüdischen Nationalismus geworden ist, im Jahr 1886 eine Kampfschrift mit dem Titel „Der nationale Zwist und die Juden in Österreich" publizierte, in welcher eine Aufforderung an die Juden enthalten war, sich aus den Reihen der nationaltrunkenen Kampfparteien zurückzuziehen und nur jüdische Interessen zu vertreten. „Als Logik der Tatsachen", so heißt es dort, „und als Gebot politischer Klugheit ergibt sich für uns — außerhalb der nationalen Parteien Stellung zu nehmen". Es ist nicht verwunderlich, daß Theodor Herzl anläßlich der Abfassung seines „Judenstaats" diese Schrift Blochs eifrig benutzt 274