Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Juden im Donauraum
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 276 (sequence 6)
- Language
- German
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Werner Cahnmann: Die Juden im Donauraum nistischen Landespolitik gewesen ist, hat also unter westjüdischen Verhältnissen nicht gelingen können. Das jüdischnationale Bekenntnis, das die Tschechoslowakei zuläßt, hat für die Juden faktisch nur den Wert eines — Bekenntnisses. Diese Feststellung gilt umsomehr, wenn man bedenkt, daß die jüdische Bevölkerungsbewegung in weiten Gebieten rückläufig ist. In der Tschechoslowakei nimmt die Zahl der Juden noch zu, aber nur deshalb, weil die Unterbilanz der westlichen Landesteile durch die Überbilanz der östlichen mehr als ausgeglichen wird. Das ungarische Judentum vermindert sich langsam aber stetig durch Geburtenrückgang, Austrittsbewegung und Auswanderung. Die gleichen Erscheinungen haben in Wien im Verlauf eines Jahrzehnts zu einem Rückgang der jüdischen Bevölkerung von 201 000 auf 176 000 Menschen geführt. Die Substanz einer jüdischen Landespolitik, das heißt zum Beispiel die Chance, selbständig zu den Parlamentswahlen auftreten zu können, vermindert sich also von Jahr zu Jahr. Das braucht kein Unglück zu sein, wenn nur, wie es den Anschein hat, ein kräftiger jüdisch lebendiger „Rest" erhalten bleibt. Denn es besteht Aussicht, daß mit der Gefahr einer jüdischen Übervölkerung auch der panische Schrecken schwindet, der durch sie hervorgerufen wird und der vielerorts zu Ausbrüchen der Judenfeindschaft geführt hat. Zieht man die Summe solcher Überlegungen, so wird man darauf hingewiesen, daß im westlichen und mittleren Europa die jüdische Minderheit nur als eine religiös-kulturelle zu konstituieren ist. Dabei ist zur Frage etwaiger jüdischer Vertretung in den öffentlichen Körperschaften zu sagen, daß sie im autoritären oder im gemischten System anscheinend leichter zu verwirklichen ist als im parlamentarischen. Diesen Weg haben, wenn auch in unzulänglicher Weise, sowohl Ungarn wie Österreich beschritten, in Ungarn auf konfessioneller, in Österreich auf stammlicher Grundlage. In Ungarn sichert das Gesetz von 1928 eine Vertretung im Oberhaus, in Österreich sind jüdische Vertreter in den Staatsrat und in das Wiener Gemeindegremium berufen worden. Es bleibt übrig, aus dem bunten Bild, das wir entdeckt haben, den einheitlichen Zug herauszuspüren, von dem das Ganze erfüllt ist. Die Judenheiten der Donauländer haben sich in den vergangenen fünfzig Jahren auseinander entwickelt, jede zu der Nation hin, in deren Mitte sie wohnt. Aber in unseren Tagen fehlt es nicht an Anzeichen einer neuen Gemeinsamkeit. Ein jüdisches Bewußtsein, das von Kraftströmen des Westens und des Ostens gleichermaßen gespeist ist, breitet sich aus und erzeugt eine seit Jahrzehnten nicht mehr gekannte Gemeinsamkeit des Fühlens und Denkens. Diese Gemeinsamkeit stellt die donauländische Judenheit an die Seite der deutschen, mit der sie von jeher im Geben und im Nehmen verbunden war. 276