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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 273

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Die Juden im Donauraum
Date
1935-09-01
Page
273 (sequence 3)
Language
German
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Die Juden im Donauraum Chajes aus Brody, dem Vorsitzenden des Aktionskomitees der zionistischen Exekutive, hat der Sproß einer galizischen Gelehrtenfamilie, der wie kaum ein anderer östliche Überlieferung mit westlicher Bildung vereinte, das Wiener Oberrabbinat besetzt. Seine Gestalt steht kennzeichnend in der bedeutsamen Reihe des Wiener Rabbinertums des 19. und 20. Jahrhunderts, die von Mannheimer zu Jellinek und Güdemann und über ihn bis zu seinem gegenwärtig amtierenden Nachfolger, dem Oberrabbiner Feuchtwang reicht. Das außerhalb der Orthodoxie stehende und die Mehrzahl der Gemeindemitglieder umfassende Gemeindejudentum trägt den Stempel der gemäßigten Reform Isaak Noa Mannheimers. Norddeutsche Liberale würden den Mannheimerschen Gottesdienst als durchaus konservativ empfinden. Seit einigen Jahren versucht die „World Union for progressive Judaism" in Wien Fuß zu fassen; sie ist über einen angeregten Diskussionskreis nicht hinausgekommen. Die Geschichte hat die Judenheiten des Donauraumes an die Seite des deutschen Judentums geführt. Die jiddische Sprache in westjiddischer Ausformung wurde früh zugunsten der hochdeutschen Schriftsprache aufgegeben. Die Juden fühlten sich in gemischtnationaler Umwelt im alten Österreich als Vorkämpfer der deutschen Kultur; deutschliberal und gutjüdisch waren lange Jahrzehnte hindurch beinahe identische Begriffe. Dies ging so weit, daß im Beginn der Luegerschen antisemitischen Bewegung der Wiener Gemeindevorstand es strikt ablehnte, um eine Audienz bei dem als slavenfreundlich verrufenen damaligen Ministerpräsidenten, dem Grafen Taaffe, nachzusuchen. So wurde einer Doktrin zuliebe kostbare Zeit versäumt. In Ungarn wurde die deutsche Sprache mit dem Anwachsen der madjarischen Nationalbewegung auch von den Juden zugunsten der madjarischen aufgegeben. Schon 1844 gründeten Juden in Pest einen „Madjarisierenden Verein"; 1848 strömte eine unverhältnismäßig große Anzahl jüdischer Soldaten als Freiwillige zur revolutionären ungarischen Nationalarmee. Seither bilden die Juden Ungarns das Musterbeispiel einer chauvinistischen Judenschaft, die in den fremdsprachigen Grenzgebieten des Vorkriegsungarn den Kern, ja oft den einzigen Bestandteil der madjarischen Minderheit bildete und in alle Positionen des öffentlichen Lebens eindrang. Dies hat nicht gehindert, daß nach dem Weltkrieg und der Niederwerfung der kommunistischen Republik Bela Khuns die Judenfeindschaft der „Erwachenden Ungarn" zu einer nie gekannten Leidenschaftlichkeit emporflammte. An den Hochschulen wurde ein numerus clausus für jüdische Studierende, der auf 10<>/o bemessen war, festgesetzt. Was dies zu bedeuten hat, wird klar, wenn man erfährt, daß an der medizinischen Fakultät vor dem Krieg bis zu 50o/0, an der Technischen Hochschule bis zu 40o/o Juden studiert hatten. 273

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