Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum auf dem Balkan
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 269 (sequence 2)
- Language
- German
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Kurt Stillschweig: Judentum auf dem Balkan Ist zu betonen, daß das Streben der türkischen Juden nach westlicher Kultur einen eigenartigen Fall in der Assimilationsgeschichte des jüdischen Volkes darstellt, der wohl nur in entsprechenden Vorgängen nach Autonomisierung der russischen Randstaaten eine Parallele hat. Während nämlich im allgemeinen die Assimilation sich durch Aufnahme der Kulturgüter der Umgebung vollzieht, handelt es sich hier um einen Fall der Assimilation an eine fremde Kultur, die nicht die der Umwelt ist. Ohne daß hier auf die Frage der Assimilation im allgemeinen einzugehen wäre, zeigt sich am Beispiel der türkischen Juden mit Sicherheit soviel, daß die Assimilation an eine andere Kultur als die der Umgebung lediglich zu menschlichen Verzerrungen und Verkrüppelungen führt. Sieht man von diesem untauglichen Assimilationsversuch ab, so bietet das geistige Leben der Juden in der Türkei das Bild völliger Stagnation. Ihre gegenwärtige kulturelle Haltung läßt sich nicht positiv umschreiben, sondern nur negativ dahin bestimmen, daß weder die Bildung einer eigenen Kultur noch eine Assimilation an das Türkentum stattgefunden hat. Symptom und Folge des Fehlens eigener kultureller Werte ist der Niedergang der jüdischen Organisation. Die Großgemeinde Istanbul ist im Verfall begriffen. In den einzelnen spaniolischen Gemeinden, die insgesamt rund 90 o/o des türkischen Judentums umfassen, macht sich ein Mangel an fähigen Rabbinern bemerkbar. Seit 1920 ist die Zahl der spaniolischen Schulen in Istanbul von 18 auf 8 gesunken. Die Träger des orthodoxen Gedankens bilden nur noch eine hauchdünne Schicht Bezeichnend ist der geringe rituelle Fleischbedarf der in dem Stadtviertel Pera wohnenden 30 000 Juden, den die zwei oder drei vorhandenen Metzgereien hinreichend decken können. Die zionistische Bewegung kann vorerst diesen Verfall nicht aufhalten, da ihr der organisatorische Zusammenschluß fehlt. Lediglich die kleine aschkenasische Gemeinde Istanbuls mit ihrem Oberrabbiner entwickelt eine gewisse Aktivität. Die drei aschkenasischen Synagogen, das Altersheim und die Goldschmidt-Schule zeugen von dem Willen der Aschkenasim zu jüdischem Leben. Trotzdem scheint der Verfall unaufhaltsam zu sein. Außer der monatlich in französischer Sprache erscheinenden Logenschrift „Hamenora" hat sich das moderne türkische Judentum bisher jedenfalls nicht zu eigener kulturschöpferischer Tätigkeit fähig erwiesen. Beschleunigt wird der kulturelle Auflösungsprozeß noch dadurch, daß die türkische Regierung eine religionsfeindliche Kulturpolitik betreibt, in deren Rahmen die Erteilung von Religionsunterricht an den Schulen und der Bau neuer Gotteshäuser verboten worden sind. Diese Maßnahmen wirken gerade bei den Juden besonders stark als zentrifugale Kraft. Trotz dieses innerjüdischen Verfalls haben sich die türkischen Juden aber noch nicht an das Türkentum assimiliert. Namentlich 269