Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum auf dem Balkan
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 268 (sequence 1)
- Language
- German
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Kurt stiiischweig: Judentum auf dem Balkan Die Balkanhalbinsel bildet nicht nur in geographischer Beziehung eine Brücke zwischen Ost und West. Auch bei der ökonomischen Ausgestaltung des Landes und der Prägung seiner kulturellen Werte wirken zwei Welten zusammen. In die Trümmer morgenländischer Kultur dringen unaufhaltsam die Wirtschafts¬ und Zivilisationsformen des Westens. Industrialisierung, Modernisierung und Europäisierung werden zum Programm erhoben. Diesen Widerstreit der Kulturelemente spiegeln auch das äußere Leben und die geistige Haltung der Balkanjuden wieder. Für den Entwicklungsprozeß besonders charakteristisch ist die Türkei. Bisher entsprach die soziologische Struktur der 80 000 türkischen Juden (0,6o/o der Gesamtbevölkerung) ungefähr der des Ostjudentums. Der wirtschaftliche Querschnitt zeigte eine stark proletarisierte Masse aus Handwerkern, Fischern und Lastträgern, eine schwächere Mittel- und Oberschicht aus Kaufleuten und Angehörigen freier Berufe sowie die charakteristische Konzentration in den Städten. Nunmehr beginnen sich gewisse Folgeerscheinungen der Europäisierung des Landes auszuwirken. Drosselung der Einfuhr, Devisenbewirtschaftung und Übersättigung der intellektuellen Berufe schwächen die ökonomische Kraft der jüdischen Mittelklasse, führen zu ihrem teilweisen Abgleiten in die Unterschicht und erhöhen ständig die Emigration, die sich nach Frankreich, Südamerika und neuerdings vor allem nach Palästina wendet. Bis zur Festigung der türkischen Nationalwirtschaft dürfte sich deshalb ein allmählicher Wandel in der wirtschaftlichen Struktur des türkischen Judentums vollzogen haben. Vorerst ist die Entwicklung jedoch noch im Fluß. Ähnlich unausgereift ist auch das kulturelle Leben der türkischen Juden. Von dem Eindringen westlicher Zivilisationsformen sind zunächst nur ihre besser gestellten Schichten erfaßt worden. Bisher hat freilich dieser Prozeß nicht zur Aufnahme westlicher Kultur unter den türkischen Juden geführt, sondern lediglich den Erfolg ihrer oberflächlichen Übertünchung mit den äußeren Zivilisationsformen Europas gebracht. Bezeichnend hierfür ist etwa, wie in den Straßenbahnen, Lokaldampfern oder Cafes Istanbuls die Unterhaltung der Juden anfangs möglichst laut in französischer Sprache geführt wird, um dann im Eifer des Gesprächs ins Spaniolische umzuschlagen. Zu berücksichtigen ist allerdings, daß die Europäisierung der Türkei dem Lande selbst bisher auch nur bescheidene Anfänge westlicher Zivilisation gegeben hat und der Durchschnittstyp des nichtjüdischen europäisierten Levantiners ebenfalls keiner hohen kulturellen Stufe angehört. Vor allem aber 268