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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 270

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Judentum auf dem Balkan
Date
1935-09-01
Page
270 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Kurt Stillschweig: Judentum auf dem Balkan hat das Türkische die Umgangssprachen der Juden — die sephardischen Juden sprechen spaniolisch und französisch, die aschkenasischen deutsch — bisher nicht verdrängen können. Obwohl die Regierung im Anklang an die traditionelle Eroberungspolitik des ottomanischen Reiches eine eindeutige Assimilationstendenz verfolgt und große Teile des türkischen Judentums durchaus assimilationsbereit sind, hat die moderne Türkei doch noch nicht die kulturellen Werte schaffen können, die geeignet wären, die Grundlage für eine Assimilation zu bilden. Gewiß sind im Rahmen der Europäisierung des Landes eine Fülle von industriellen und administrativen Maßnahmen getroffen worden. Allein an kulturellen Neuschöpfungen und damit an einem Ziel, auf das die Juden ihr Assimilationsstreben richten könnten, fehlt es bisher. Hierin liegt der eigentliche Grund für das kaum merkliche Fortschreiten des Assimilationsprozesses. Zugleich liefert das Fehlen der Assimilation den Schlüssel zum Verständnis der rechtlichen Stellung der türkischen Juden. Zwar haben die Juden der Türkei auf die ihnen zuerkannten Rechte einer nationalen Minderheit verzichtet und genießen nach der türkischen Verfassung volle Gleichberechtigung. Trotzdem betrachtet der Durchschnittstürke sie wegen der nicht vollzogenen Türkisierung gleich den übrigen nichtassimilierten nationalen Minoritäten als Fremde. Die türkische Verwaltungspraxis ist infolgedessen bemüht, für alle Minderheiten und auch für die Juden den Grundsatz der Parität auf administrativem Wege illusorisch zu machen. Die Auswirkungen dieser Minoritätenpolitik zeigen sich deutlich in Justiz und Verwaltung, im Heerwesen, bei den Banken und gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen. Überall werden hier die Angehörigen der Minderheiten hinter den Türken zurückgesetzt, so daß der wirtschaftliche Lebensraum der türkischen Juden immer mehr auf Handel und freie Berufe beschränkt wird. Der minoritätenfeindliche Kern des türkischen Nationalgefühls hat über die administrativen Maßnahmen hinaus auch zu illegalen Demonstrationen gegen die Minderheiten geführt. Dazu gehören u. a. judenfeindliche Ausschreitungen in Thrazien und an den Dardanellen, deren Folgen noch vor einigen Monaten zu sehen waren. So hinterläßt das Ringen des Landes nach neuen Formen schmerzhafte Spuren bei dem türkischen Judentum. Wirtschaftliche Dekadenz, steigende Emigration, kulturelle Ausgehöhltheit, rechtliche Zurücksetzung — das sind die Stigmata. In welcher Richtung die gegenwärtige Periode des Überganges verlaufen wird, ist noch nicht mit Sicherheit abzusehen. Wahrscheinlich wird eine künftige national-türkische Konsolidierung auch eine Zeit der Besserung für die jüdische Position bringen. Ob freilich diese Besserung zu dauernder Sicherung führen wird, ist eine Frage, die in ihrer Tragweite über das Schicksal der Balkanjuden hinausreicht. 270

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