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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 266

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Polen und Litauen
Date
1935-09-01
Page
266 (sequence 6)
Language
German
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Hanns Reißner wertem Maße nicht zu verzeichnen und wohl auch nicht zu befürchten. Im geistigen Sinne sind zentrifugale Tendenzen aber auch in den Randstaaten am Werk. In der schmalen bürgerlichen Oberschicht sind sie eingegeben von dem Willen nach vermeintlicher kultureller Angleichung. Aus diesen Kreisen rekrutiert sich eine schwache nationalpolnisch- bzw. litauisch-jüdische Studentenschaft. Zahlenmäßig umfangreicher ist die geistige Loslösung vom überkommenen Judentum in den Großstädten in der sozialistischen jüdischen Arbeiterbewegung, deren Hauptorganisation der „Bund" darstellt. Diese proletarische Bewegung leugnet die Verbindung mit der jüdischen Religion, hat aber soziologisch keinen entscheidenden Trennungsstrich vom jüdischen Volkskörper gezogen, da sie die jiddische Sprache pflegt und neben den andersnationalen politischen Parteien ihre Sonderexistenz wahrt. Zwischen den beiden Extremen der bürgerlichen und proletarischen Assimilation lebt die große Masse des polnischen und litauischen Judentums dahin. Religiös sind starke Spannungen vorhanden zwischen den historischen litauischen Landesteilen, in denen die rabbinische Talmudgelehrsamkeit vorherrscht, und Kongreß-Polen und Galizien, wo der Chassidismus überwiegt. Martin Buber hat seine echten, überzeitlichen Werte auch der Westjudenheit nahegebracht. Diese Gegenbewegung der religiösen Inbrunst gegen die Vorherrschaft des religionsgesetzlichen Verstandes ist nach jäher Blüte im 18. Jahrhundert aber bald in Wunderglauben und blinde Hörigkeit gegenüber einigen Rebben-Dynastien entartet. Liberale Gestaltung des Kultus besteht nur in wenigen Tempeln der Großstädte, die von der bürgerlichen Oberschicht benutzt werden. Im großen und ganzen ist „die Schul" nach wie vor der geistige Mittelpunkt der religiösen Tradition. Das sind die strohgedeckten Backsteinsynagogen im litauischen Nordosten, die reichgeformten Holzbauten in mancher wolhynischen Kleinstadt, Lehmfachwerkhäuser in kongreßpolnischen und galizischen Dörfern, aber auch massive Gebäude mit alten gotischen Gewölben wie in Krakau oder im selbstbewußten Renaissancestil der Blütezeit des 16. Jahrhunderts in Wilna und Lublin. Angesichts der starken Konzentration der jüdischen Minderheit in den Städten ist die Alltagswirklichkeit der jüdischen Gemeinschaft besonders augenfällig. Seit langem besteht eine verbreitete Tagespresse in jiddischer und hebräischer Sprache. Die Leistungen jiddischer Theatertruppen, insbesondere der Wilnaer, sind auch in Westeuropa durch Gastspielreisen bekannt geworden. Das gleiche gilt von der ostjüdischen Literatur in Gedicht- und Novellenform. Die in jiddischer Sprache schreibenden Dichter und Schriftsteller, allerdings nicht nur Osteuropas, sind in einer besonderen Sektion des Pen-Klubs zusammengefaßt, an deren Spitze Schalom Asch steht. Die Krone der weltlichen Forschung in Ost- 266

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