Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Polen und Litauen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kaunas 1× ep/1000678
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Polen und Litauen Rein statistisch betrachtet und mit den Verhältnissen in Westeuropa verglichen, bietet der jüdische Sozialkörper in Polen und Litauen das Bild größerer beruflicher Mannigfaltigkeit. Von 100 Erwerbstätigen waren in Polen etwa 10 Landwirte (einschließlich der Gutspächter), 32 Handwerker und Gewerbetreibende, 38 Händler, 5 Angehörige freier Berufe und 15 Sonstige. In Litauen kommen auf 100 jüdische Erwerbstätige 6 Landwirte, 22 Handwerker und Gewerbetreibende, 33 im Handel und Verkehr, 5 in freien Berufen Tätige und 34 Sonstige. Diese Ziffern dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die soziale Wirklichkeit des östlichen Judentums eine unsagbar traurige ist. Die Ziffer „Sonstige" kann beinahe gleichgesetzt werden mit Luftexistenzen. Die Händler sind ganz überwiegend Menschen, die sich mit Gelegenheitsvermittlungen befassen. Unter den Handwerkern und Gewerbetreibenden überwiegen Schneider und Schuhmacher, deren berufliche Ausbildung meist den Anforderungen der neustaatlichen Gewerbeordnungen nicht entspricht und deren Berufsausübung daher weder rechtlich noch wirtschaftlich gesichert erscheint. Was nützen jüdische Lastträger, die, Stricke um den Nacken gewunden, die Straßen Warschaus vergeblich nach zu befördernden Waren ablaufen? Wo nehmen die Fuhrleute Futter für ihre Pferde her — von Kartoffeln und Hering für die zahlreiche Familie zu schweigen —, wenn wieder ein Markttag ohne Aufträge vergangen ist? Besonders bedenklich ist das Problem der freien Berufe. Sieht man selbst davon ab, daß die jüdischen Kultusbeamten ebenfalls zu den freien Berufen zählen, so bleibt doch die Tatsache, daß die Mehrheitsnationen eifrig danach trachten, eine eigene Intelligenz heraufzubilden. Der numerus clausus hat den Anteil der Juden an der polnischen Studentenschaft auf 18,7 o/o herabgedrückt. Unter der Staatsbeamtenschaft Polens und Litauens befindet sich je etwa 1 o/0 Juden. Der geistige Auftrieb der Juden ist traditioneil; doch drängen düstere Vergleiche und Befürchtungen sich auf, wenn man liest, daß etwa in der derzeitigen litauischen Hauptstadt Kaunas 44o/o der Ärzte Juden sind. Früher brachte die Auswanderung nach Übersee eine gewisse Erleichterung. In dem Jahrhundert von 1830 bis 1930 sind insgesamt vier Millionen polnische Juden ausgewandert, davon 3 285 000 nach Amerika. Gegenwärtig ist Palästina das einzige Land, das in den letzten Jahren regelmäßig 15—20 000 Juden aus den Randstaaten aufzunehmen in der Lage war. Doch beträgt der jährliche Geburtenüberschuß allein der polnischen Juden, wiewohl er prozentual geringer ist als der der polnischen Bevölkerung, mit etwa 30 000 noch immer mehr, als im Jahre Juden abwandern. Andere Verluste in seinem biologischen Bestand als durch Auswanderung hat das Judentum der Randstaaten in nennens- 265