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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 267

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Polen und Litauen
Date
1935-09-01
Page
267 (sequence 7)
Language
German
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Polen und Litauen europa stellt das jiddische wissenschaftliche Institut in Wilna dar, das alle Zweige der Folklore des jüdischen Volkes in allen Teilen der Welt zu erforschen sich zur Aufgabe gemacht hat. Die geistige Lebhaftigkeit der jüdischen Gemeinschaft in Osteuropa darf umso höher gelten, als die soziale Wirklichkeit, auf der sie sich aufbaut, das Vegetieren der Massen in den Wohnhöhlen der Großstädte und die nichtstuerische Geschäftigkeit des Handelns auf den Kleinstadtmärkten, so unentrinnbar traurig ist. Das Ghetto des Ostens hat uns nicht nur die unerwünschten Existenzen beschert, die man in Berlin in der Grenadierstraße, in Paris in der nie des Rosiers zu suchen pflegte. Auch Moses Mendelssohn und Gabriel Riesser waren schließlich Nachkommen hochberühmter polnischer Rabbinerfamilien; Martin Buber ist der Erbe einer vielgliedrigen Lemberger Gelehrtentradition; Henri Bergson stammt aus Warschau. Und so könnte man die Reihe noch lange fortsetzen. Aber was soll aus der heutigen Generation werden, den Millionen Menschen, die sich aus ihrem Kreise nicht zu lösen vermögen? Sie sind mit Hilfsgeldern nicht über Wasser zu halten, und wenn es in Paris und New York hundert Rothschilds und Warburgs gäbe. Sie leben buchstäblich im Vertrauen auf Gott, der bald, in unseren Tagen, seinen Maschiach senden möge. Kann sein Kommen beschleunigt werden? Die einen glauben, daß Gehorsam gegen den Buchstaben des Gesetzes dazu verhelfen werde. Denn nur um unserer Sünden willen sind wir gestraft worden, und das Rechte tun errettet vom Tode. Die andern meinen, daß nicht Entsagung, sondern im Gegenteil festlicher Rausch vom irdischen Jammer lösen und die Seele zu Gott emporheben werde. So suchen sie singend und tanzend die Feiertage zu verlängern; denn dann sind sie nicht mehr Lastträger und Schneider und Händler mit ihren Sorgen um ein paar Groschen für das Nötigste, sondern junge Bräutigame, die sich der Prinzessin Sabbat vermählen. Aber auch die, die geglaubt haben, sich loszusagen vom Überkommenen, die Jugendbewegung zumal, ist ihm zum Glück stärker verhaftet, als sie selbst ahnt. Von Anbeginn hat sie ernst gemacht mit der Erneuerung des jüdischen Volkes an Leib und Geist. In ihr Bekenntnis hat sie das Wort des Patriarchen Hillel aufgenommen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich, und wenn nicht jetzt, wann dann?" In ihrem Kreis lebt die hebräische Sprache. Die uralten Symbole der Stämme Israels werden von der Scout-Bewegung wieder aufgenommen. Die Melodie chassidischer Weisen bricht in ihren Tänzen durch. Ihr Gruß ist das Wort, das Gott dem Josua zurief, als er die Nachfolge Moses antrat, die Kinder Israel ins Verheißene Land zu führen: „Chasak we' ematz" Sei stark und kräftig! Denn dann wirst du deinen Weg mit Gelingen gehen. 267

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