Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Polen und Litauen
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner Staatswesen diktiert ist. Früher bildeten die heutigen Randstaaten nur einen Teil des russischen Reiches. Insbesondere Kongreß- Polen war auf den Absatz seiner schwer- und textilindustriellen Produktion nach Innerrußland eingestellt. Der Überschuß der landwirtschaftlichen Erzeugung der Randstaaten wurde nach Westeuropa ausgeführt. Beide Absatzmärkte sind durch die Entwicklung seit Kriegsende im großen und ganzen verschlossen worden. Es hat sich ein System staatswirtschaftlichen inneren Ausgleichs, der sogenannte Etatismus, herausgebildet. Seine Kennzeichen sind das starke Vorwiegen staatlichen Eigentums in Handel und Industrie (22,5<>/o des darin angelegten Volksvermögens in Polen, 331/3 0/0 in Litauen) und die staatliche Zusammenfassung der Bauern in Produktions-, Kredit- und Absatzgenossenschaften. Nachdem die Funktion der jüdischen Kaufleute im Ausfuhrhandel durch die neue Grenzziehung bei Kriegsende bereits fast ganz überflüssig geworden war, wird nun auch ihre binnenwirtschaftliche Funktion als Verteiler durch das genossenschaftliche System immer mehr beschnitten. Weiterhin muß angesichts der seit Kriegsende herrschenden Agrarkrise die städtische Bevölkerung den Großteil der staatlichen Steuerlast tragen. Davon ist die jüdische Minderheit als vorzugsweise städtische verhältnismäßig viel stärker betroffen als die übrigen Nationalitäten. Steuerschulden werden unbarmherzig eingetrieben. Erschütternde persönliche Begleitumstände spielen sich täglich ab, wenn die staatliche Zwangsvollstreckung das letzte kleine Betriebskapital der Familie pfänden kommt Die Gemillus-Chesed-Kassen, die mit wenigen Zlotys Kredit viele Köpfe über Wasser halten könnten, sind den Ansprüchen bei weitem nicht gewachsen. Und wieder muß dann ein Marktstand, muß ein Trödlergewölbe geräumt werden, wieder und wieder ist eine jüdische Existenz wirtschaftlich erloschen. Während die Einengung ihrer wirtschaftlichen Funktion von den Betroffenen meist als unverdiente Zurücksetzung empfunden wird, geht das amerikanisch-jüdische Hilfswerk des Joint in Osteuropa von der Erkenntnis aus, daß die Krise keineswegs eine durch den jeweiligen wirtschaftspolitischen Kurs oder durch augenblickliche ökonomische Schwierigkeiten hervorgerufene Konjunktur-Krise, sondern eine Struktur-Krise ist. Das Hilfewerk der Gesellschaft Ort richtet sich ebenfalls nicht so sehr auf die Beseitigung rechtlicher Begrenzungen als auf die Einschichtung in die industrielle und landwirtschaftliche Produktion. Aber auch die Randstaaten leiden unter industrieller Überproduktion und Bodenmangel. Die Gewerkschaften sperren sich gegen jüdische Fabrikarbeiter. Etwa 6 Millionen arbeitsloser polnischer Landarbeiter und Zwergbauern warten vergeblich auf eine selbständige Ackernahrung. Im Lande selbst ist daher wenig Hoffnung auf Verwertung der Fachkenntnisse. 264