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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 260

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Die Katastrophe in Rußland
Date
1935-09-01
Page
260 (sequence 7)
Language
German
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Grigori Landau: Die Katastrophe in Rußland unsichere Schicksal dieses Standes, lebte auf der Messerschneide zwischen Begünstigung und Verfemung, zwischen Berufsausübung, Schauprozessen und Konzentrationslagern. Noch schlimmer ist der geistige Verfall. Wie vor einem Zerrspiegel wird die Jugend in Unwissenheit oder — was noch schlimmer ist — in entstelltem Wissen erzogen. Religion ist „Privatsache"; da es aber in einem so zentralisierten Staate nichts Privates geben kann und da seine Ideologie die Gottlosenbewegung fördert, so wird tatsächlich die Religion verfolgt. Die Geistlichen sind entrechtet (Lischenzi). Die meisten Synagogen sind in Kinos, Speicher, Museen umgewandelt; die noch erhalten geblieben sind, werden, trotz der enorm gestiegenen Steuerlasten, aus privaten Mitteln unterhalten. Religiosität zu zeigen ist ungefährlich nur für diejenigen, die schon sowieso vogelfrei sind und deshalb auch keine Mittel besitzen. Das Studieren der hebräischen Sprache, des Talmuds, der rabbinischen Literatur ist unter Strafe verboten, ebenso rituelle Handlungen und das Halten der Feiertage. Mehl für Mazzot wird verweigert, und noch am letzten Pessach hörte man von Verhaftungen einzelner Personen, die von ausländischen Verwandten ein Päckchen Mazzot erhalten hatten. Palästinawerbung ist nicht erlaubt. Von „nationaler Selbstbestimmung" bleibt also nur die jiddische Sprache übrig. Es gab 1926 über 1000 Volksschulen mit jiddischer Sprache und noch etwas mehr „politische Lehranstalten" — für das politisch-marxistische ABC („politgramota"). Auch die etwa 300 Zeitungen und Zeitschriften sind marxistisch. Die Bolschewiken erheben Anspruch auf die vollkommenste Organisation nationaler Autonomie. Zwar die Gemeinde und alle sonstigen früheren religiösen und sozialen Institutionen des jüdischen öffentlichen Lebens sind vernichtet. Doch werden die Prinzipien auch in diesem Falle streng gewahrt: wo Juden die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, werden die örtlichen Sowjets von Juden auf jiddisch geleitet. Da aber die Juden überwiegend unter anderen Bevölkerungsgruppen zerstreut leben, bilden sie die Mehrheit nur in wenigen, kleinsten Verwaltungsgrenzen. Dort werden die Sowjets — Dorfschulzen oder kleinste Kommunalverwaltungen — tatsächlich jiddisch geführt. 160 solcher jüdischer Sowjets gab es im Jahre 1930, in der Ukraine sogar 3 jüdische „Rayons" (die nächstgrößte Verwaltungseinheit). Unter diesen jüdischen Sowjets lebten in der Ukraine 1931 14,2 o/0 der jüdischen Bevölkerung, 250 000 Menschen, und in Weißrußland 8<y0 (35 000). Diese jüdischen Sowjets führen mit noch mehr Kenntnis und, wahrscheinlich, auch Erfolg den „scharfen Kampf gegen den Einfluß der kulak-nepman-klerikal-chauvinistischen Elemente" (so drückt sich ein bolschewistisch-jüdischer Schriftsteller aus) — was nur ein anderer Ausdruck ist für alle nicht kommunistischen Juden. Wenn 260

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