Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Katastrophe in Rußland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 261 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner: Polen und Litauen es ein Trost ist, auf jiddisch zugrundegerichtet zu werden, so wird dieser Trost ungefähr llo/0 der jüdischen Bevölkerung zuteil. Und doch besitzt jede Kultur ein starkes Beharrungsvermögen und rettet in Familienwinkeln, auf Schleichwegen verheimlichter Bräuche und persönlicher Überlieferungen, was zu retten ist. Die Juden in Sowjetrußland machen keine Ausnahme von dieser Regel. Gut oder schlecht — den Juden geht es wie allen andern, denn der Jude in Sowjetrußland ist gleichberechtigt, sagen die Bolschewisten. Die Idee der Gleichberechtigung besitzt eine große Anziehungskraft für uns; Generationen kämpften für sie. Doch darf man sich nicht durch Wortfetische irreleiten, darf nicht gleiche Rechtlosigkeit für Gleichberechtigung gelten lassen. Der Hauptwert eines Volkslebens wie eines Menschenlebens besteht in seinem vollen eigenen Inhalt, nicht im Nichtvorhandensein eines Unterschieds; und wenn ein Volk oder ein Mensch zugrundegeht, so ist es eben eine Katastrophe. Hanns Reißner: Polß/t Utld Litauen Polen und das politisch eng mit ihm verknüpfte Litauen erschienen im ausgehenden Mittelalter als Stätten der Zuflucht und der Freiheit für die aus Mitteleuropa vertriebenen Juden. Mittelhochdeutsches Sprachgut und die Tracht jener Zeit haben sich in den Randstaaten des Ostens als Hauptbestandteile der jiddischen Sprache und im Kaftan der Männer erhalten. Nicht wenige und nicht die schlechtesten ostjüdischen Familien, so die Landau, Heilbronn, Öttingen u. a., tragen in ihren Namen die Erinnerung an die Städte weiter, die ihnen jahrhundertelang Heimat waren. Gleich den christlichen Einwanderern aus dem benachbarten Schlesien und der Lausitz, die den industriellen Gewerbefleiß im mittelalterlichen Polen entwickelten, kamen auf Grund der ihnen erteilten königlichen Privilegien jüdische Kaufleute ins Land. Ihnen ist nicht zum wenigsten die Entwicklung eines inneren und äußeren Güteraustauschverkehrs in Osteuropa zu danken gewesen. Eine Blütezeit des polnischen Judentums im politischen und religiösen Sinne hob an. Liebe und Stolz erbauten sich neue Gemeinden. „Stadt und Mutter in Israel, das Jerusalem der Zerstreuung" wurde Wilna genannt. Als Steuerselbstverwaltungsorgan wurde die jüdische sogenannte Vierländersynode geschaffen. Die Krönung bildeten zahlreiche Talmudakademien, deren berühmteste im 16. Jahrhundert durch den Maharschal (Schelomo Lurie), einen Nachfahren Raschis, in Lublin begründet worden war. Von den polnischen Teilungen gegen Ende des 18. Jahrhunderts an bis 1918 nahmen die Judenheiten des nahen Ostraums 261