Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Die Katastrophe in Rußland
Date
1935-09-01
Page
259 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895546-2905289--08226-2905357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Katastrophe in Rußland müsegärten und Kartoffeläcker zu bearbeiten. Bei den Versuchen, diese spontane Bewegung zu legalisieren, entstand die Idee der Errichtung von neuen jüdischen Bauernkolonien. Diese Idee fand deshalb Anklang bei der Sowjetregierung, weil sie dazu angetan zu sein schien, sich im Ausland nicht nur Sympathien, sondern auch Valuta zu verschaffen. Große Propaganda setzte ein. Man sprach von einer großzügigen Kolonisation in der Krim, von einer jüdischen Republik im Fernen Osten (Biro-Bidjan) usw. Tatsächlich war verfügbares Land kaum zu haben. Was Biro- Bidjan anbetrifft, konnten sogar sibirische Kosaken in diesem Land nicht einmal siedeln: die Siedlungsdichte zeigte einen Menschen pro Quadratkilometer! Der Unterschied zwischen Winter- und Sommertemperatur beträgt dort 73 Grad (von —40 bis +33). Der kurze Sommer ist stark regnerisch; das Land wimmelt von Schädlingen; fahrbare Wege gab es nicht Doch die Lage der Juden war so verzweifelt, daß sie bereit waren, sogar in diese Gegend zu ziehen. Zwar floh dann mindestens die Hälfte wieder, doch haben sich ein paar Zehntausende dort nach schwersten Prüfungen angesiedelt. Das Land liegt an der Grenze der Mandschurei, und die Wege, Häuser usw., die von den jüdischen Siedlern — teilweise auf Kosten amerikanischer Philantropen — gebaut werden, konnten für die Sowjetregierung militärischen Wert erhalten bei einem Konflikt mit Japan. Das ist des großen Lärms eventueller Sinn. Im Ganzen schätzt man die jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung auf 200 000; vor der Revolution waren es 50 000, vorstädtische Gärtner usw. nicht inbegriffen. Die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter konnte im vorrevolutionären Rußland naturgemäß nicht groß sein, schon wegen des Wohnverbots, das außerhalb der Städte sogar im Ansiedlungsrayon bestand, und der Arbeit am Sabbat. Beide Hemmnisse fielen in der Bolschewistenzeit weg; von Sabbatfeiern konnte ohnehin keine Rede mehr sein. Auch die speziell jüdischen Aufenthaltsbegrenzungen wurden abgeschafft, nicht aber politische Klassengrenzen, die auch die Juden treffen. Doch der nun privilegierte Arbeiterstand sah nicht gern das Erscheinen von neuen Konkurrenten. So entstand auch hier ein scharfer Antisemitismus. Eine Zeitlang brachte sogar die Sowjetpresse eine Menge Nachrichten über judenfeindliche Haltung der Belegschaften, insbesondere gegen die jüdischen Arbeiterinnen. So wuchs der Prozentsatz der jüdischen Arbeiter im ersten Jahrzehnt (1926) — neuere Statistiken liegen nicht vor — nur um ungefähr ein Drittel. Die Umschichtung der russischen Judenheit vollzog sich in der allgemeinen Perspektive der bolschewistischen Revolution. Das Bürgertum wurde vernichtet, die Intelligenz verfiel teils dem Terror, teils ging sie in die Emigration, wo viele verkamen. Teilweise auch wurde sie zu „Spezen" bei der Sowjetregierung und teilte das 259

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.