Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Katastrophe in Rußland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 258 (sequence 5)
- Language
- German
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Grigori Landau innerhalb der bolschewistischen Partei waren Juden in allen Gruppierungen vertreten. Die bekanntesten jüdischen Bolschewisten aus der ersten Zeit, die Adjutanten Lenins, sind längst verhaftet, deportiert, ausgewiesen (Trotzki, Sinowjew). Andere, wie z. B. Kaganowitsch, haben ihre Karriere an der Seite Stalins gemacht. Eine Revolution, auch wenn ihre Entscheidung bei Bauern und Soldaten liegt, wie es in Rußland der Fall war, wird immer von der Stadt aus geführt. Unter der städtischen Bevölkerung machten die Juden im vorrevolutionären Rußland mehr als 14o/0 aus. In den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft hat sich dieses Verhältnis noch dadurch zugespitzt, daß der Hunger in den Städten einen nicht unbedeutenden Teil der russischen Bevölkerung, die noch eng mit dem flachen Lande verknüpft war, aus den Städten in die Dörfer trieb. Die Juden aber, die mit dem Land in keiner Verbindung standen, blieben in den Städten, ja sie zogen sogar aus kleinen Flecken und Städtchen in größere Zentren, weil dort die Lebensbedingungen etwas besser waren. Der größte Teil der russischen Bevölkerung setzte zu Anfang der Revolution seine frühere Beschäftigung fort: der Bauer blieb auf seiner Scholle, der Arbeiter in der Fabrik, der Eisenbahner an der Lokomotive usw. Die Juden aber konnten, wie alle Klein- und Großbürger, nicht bei ihrer Beschäftigung bleiben, denn sie wurde als privatwirtschaftlich entweder abgeschafft oder verstaatlicht. Dabei wurden die Juden teilweise automatisch zu Staatsbeamten gemacht, teilweise blieben sie in der verpönten und verfolgten Privatwirtschaft, als Lischenzi u. dergl. Wer seine Beschäftigung verlor, versuchte sich um jeden Preis zu retten durch den einzig gebliebenen Ausweg: in den Sowjetdienst aufgenommen zu werden. Obwohl die Lage der meisten Staatsbeamten keineswegs beneidenswert ist — der privilegierte Stand der Kommunisten ist der Arbeiterstand — wurden dadurch doch viele Juden in das Staatsgefüge hineingezogen. Da nun Juden im Staatsapparat eine früher völlig unbekannte Erscheinung gewesen waren, sprangen diese Fälle in die Augen und führten zu der Gleichung: Sowjetstaat Juden. Und da die bolschewistische Revolution für die oberen Schichten wirtschaftliche Depossedierung, Rechtlosigkeit, soziale Degradierung, Verfall, wenn nicht den physischen Untergang brachte und dem ganzen Volke ungeheure Prüfungen auferlegte, so wurden diese Katastrophen der neuen Erscheinung, den „Juden an der Macht" zugeschrieben und dadurch eine ungeheure Welle des Antisemitismus entfesselt. Durch einen Teil der russischen Emigration verbreitete sie sich auch im Ausland und führte zu unabsehbaren Folgen. Viel Aufsehen erregte im Ausland der Lärm um die jüdische Bauernkolonisation. In der Tat begannen, am Rand des Hungertodes, viele Juden in kleinen Ortschaften zur Selbstverpflegung Ge- 258