Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Katastrophe in Rußland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 257 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Katastrophe in Rußland die Lischenzi ganz verelendet sind, daß es aber noch zahlreiche andere Gruppen gibt (z. B. Heimarbeiter, Lehrer — also Sowjetangestellte) die auch nach dortigen Vorstellungen in schwierigsten Verhältnissen zu leben haben. Als der „Nep" — eine teilweise, wenn auch entstellte Rückkehr zur Privatwirtschaft — von Lenin eingeführt wurde (1922), ergriffen viele Juden diese Gelegenheit der Rückkehr zur Privatwirtschaft, weil sie nur aus Not in den Staatsapparat übergegangen waren. Man schätzte ihre Zahl auf 940 000 (37<y0 der jüdischen Bevölkerung) unter einer Gesamtzahl von ca. 5 Millionen „Nepleuten". Die Folge war, daß, als (1925) der Nep abgeschafft wurde, die jüdischen Nepleute mit den nichtjüdischen in Massen verhaftet, in Gefängnisse geworfen, manche erschossen, die meisten aber in Konzentrationslager nach Sibirien deportiert wurden. So büßte die Judenheit ihre bürgerliche Herkunft. Hoffnungen und Möglichkeiten im vorrevolutionären Rußland waren groß, die Wirklichkeit war dunkel: begrenztes Wohnrecht, begrenzte Arbeits- und Lernmöglichkeit, staatliche Diskriminierung, endlose Hemmnisse jeden Schaffens, und das Schrecklichste: Pogrome und Pogromdrohungen. Die Erlösung aus dieser wirtschaftlich verderblichen und moralisch unhaltbaren Lage war mit dem allgemeinen Fortschritt Rußlands verbunden. Dieser Gesichtspunkt trieb die russische Judenheit in das Lager des Fortschritts; die Jugend war radikaler gestimmt, und diejenigen, die die Pogrome durchgemacht und die vergewaltigten und ermordeten Frauen mit eigenen Augen gesehen hatten, haßten grimmig das bestehende Regime. So ging ein großer Teil der Jugend zu revolutionären Parteien über. Der Drang nach Gleichberechtigung und moralischer Selbstbehauptung warf sie in die Reihen der russischen agrarsozialistischen und proletarisch - umstürzlerischen Parteien, die beide in Grundlage und Tendenz eine den kulturellen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen der russischen Juden scharf entgegengesetzte Richtung verfolgten. Als dann das russische Reich in die Brüche ging und in den Wirren der Nachkriegszeit die Revolutionäre an die Macht kamen, standen in ihren Reihen auch die jüdischen Revolutionäre mit ihren judenvernichtenden Zielen. Pogrome standen am Anfang der bolschewistischen Revolution, — „Lischenzi" am Ende der Sozialisierung. Diese Revolutionäre gehörten den verschiedensten Parteien an; sie kämpften gegeneinander, gegen die Bolschewiki und mit diesen gegen alle anderen. Die Sozialrevolutionärin Dora Kaplan schoß auf Lenin, Kannegießer ermordete den Tschekisten Uritzki. Die jüdische marxistische Partei „Bund" erklärte die Bolschewiki „außerhalb des Gesetzes" und wurde von ihnen zermalmt. Die Bolschewiki erschossen — unter vielen anderen Juden — den heldenhaften Wilenkin. Bei den später einsetzenden inneren Kämpfen 257