Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Katastrophe in Rußland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 256 (sequence 3)
- Language
- German
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Grigori Landau Die russische Judenheit gehörte vor der Revolution zu etwa vier Fünfteln zur „Bourgeoisie" (und zwar hauptsächlich zur kleinen und kleinsten). Der Hauptangriff, das Pathos, die ganze Leidenschaft des Bolschewismus war aber gerade gegen die Bourgeoisie gerichtet. Sie auszurotten, darin bestand sein unbarmherzig verfolgtes Ziel. Dieses Ziel wurde nicht nur durch den Terror der Tscheka, durch kommunistische Depossedierung, durch revolutionäre Degradation verfolgt; es war das Ergebnis der gesamten sozialen und wirtschaftlichen Einstellung des Bolschewismus. Gewiß trafen manche der schrecklichsten Greuel der Revolution die Juden nicht, die Greuel nämlich, die für die höchsten Klassen der Gesellschaft bestimmt waren, denen Juden kaum angehörten (wie Mitglieder der Dynastie, der Aristokratie, hohe kirchliche Würdenträger, Offiziere usw.). Gerade diese Tatsache wurde zu einem wichtigen Motiv in dem spontanen Antisemitismus, der aus der Revolution erwuchs. Manche, die unmenschliche Prüfungen zu bestehen gehabt hatten, wollten es nicht begreifen — und man kann es den Vielgeprüften nicht verdenken —, daß Juden von diesen Prüfungen verschont blieben, nur weil sie den betroffenen Volksschichten nicht angehörten. Aber andererseits trafen die Leiden des Bürgertums die Juden im Verhältnis härter als andere Bevölkerungsgruppen. Die bolschewistische Gesetzgebung teilte die Bevölkerung in Klassen verschiedenen Rechtes ein. In die niedrigste Klasse ordnete man ehemalige Arbeitgeber, Händler, auch Priester, Polizeileute usw. ein. Da alles, von der täglichen Brotration bis zum Wohnraumanteil, von der Höhe der Steuern bis zu dem Wert des Geldes, von der Klasse abhängt, der man zugehört, so ist diese Klasseneinteilung von einer Bedeutung, die in keinem kapitalistischen Staate ihresgleichen hat. Und gerade der untersten Stufe der Entrechteten („Lischenzi") wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung eingeordnet (frühere Händler, Zwergkapitalisten, Vermittler, Handwerker mit Gesellen usw.). Sie besitzen kein Wahlrecht bei Sowjetwahlen, daher auch keinen Anspruch auf Lebensmittelzuteilung vom Staate, auf Wohnraum in nationalisierten Häusern, keinen Zutritt zu Arbeitsstätten, zu höheren Schulen, Kooperativen usw.: d.h. sie sind so gut wie vogelfrei. Wenn viele von ihnen nicht dem Hungertode erlagen, so nur dank der kleinen Gaben, die sie jahrelang aus Amerika erhielten, bis auch das sein Ende fand. Andere versuchten um jeden Preis ihre Familien zu retten, gleichgültig ob nach Biro-Bidjan oder — in den Kommunismus. Die Zahl der „Lischenzi" schwankte entsprechend den Schwankungen der bolschewistischen Politik. 1926—27 betrug sie allein in der Ukraine über 200 000; das waren 29,1 o/0 der gesamten Lischenzi in der Ukraine, während der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung dort 6,7 o/o betrug. Es muß hinzugefügt werden, daß zwar 256