Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Katastrophe in Rußland
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 255 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau: Die Katastrophe in Rußland kämpfende Gegner — die Bolschewiken und die „Weißen" — einander gegenüber, es gab auch noch ukrainische Separatisten (Petljura) und eine Menge von einzelnen Banden ohne jegliche staatliche Prätention. Dutzende von Malen löste in manchen Ortschaften die eine Macht die andere ab, requirierte, raubte, vergewaltigte, mordete. Über diese „normalen" Bürgerkriegserscheinungen legte sich noch eine Schicht Judenhaß, geschürt von der Propaganda, die mit den Namen der jüdischen Bolschewistenführer operierte. Tausende von Juden fielen für Trotzki, die ihn nicht minder gehaßt hatten als ihre Verfolger. Es war ein politischer Vulkanausbruch. Doch die entscheidende Umwälzung kam von der Bolschewikenherrschaft. Die Entstehung des Sowjetreiches brachte den Zerfall der russischen Judenheit mit sich. Es fielen ab: Polen, Litauen, Bessarabien, Teile Weißrußlands und der Ukraine. Damit wurde der größte Teil der russischen Judenheit von Rußland getrennt; weniger als die Hälfte verblieb in Sowjetrußland (1926: ca. 2,6 Millionen). Die russische Judenheit stellte die größte jüdische Volksmasse dar, die in einem Staate, unter einer einheitlichen Macht, im Bereich einer herrschenden Kultur lebte und deswegen die Möglichkeit hatte, ihre eigene Kultur als Minderheitskultur zu bewahren und auszubilden. Die jüdische Masse bewahrte einen großen Schatz von Traditionen, Besonderheiten, Institutionen: ein lebendiges Volksleben. Sie stellte einen reichen Menschenvorrat für die „emanzipierte" (russifizierte) Schicht, übte aber zugleich eine starke Anziehungskraft auf diese aus und bildete einen Absatzmarkt für ihre Arbeit. So blieb der Kontakt, die Wechselwirkung zwischen beiden Schichten bestehen, und es wurden die Voraussetzungen für künftiges jüdisches Schaffen gebildet. Die russischen Juden waren Städter. Damit hatten sie in dem überaus breiten Raum eines vorwiegend landwirtschaftlichen Reiches die Möglichkeit einer zugleich für das Reich und für sich selbst nutzbringenden Entwicklung. Düster und schwer war die Wirklichkeit des jüdischen Lebens in Rußland, aber verheißungsvoll waren seine Möglichkeiten, und die tatsächliche Entwicklung folgte der vorgezeichneten Richtung. Nun ist die russische Judenheit zersplittert; jeder Splitter mußte sich umstellen, sich der engen und neuen Umwelt anpassen. Die umfassende Kultur, mit der die Symbiose hatte geschaffen werden müssen, der einheitliche Rahmen, die Stoßkraft eines großen Volkes — sie waren dahin. Aus einem großen Schicksal sind viele kleine geworden. Der große geschichtliche Zug ging verloren. Das tragische Paradoxon der Juden in Sowjetrußland besteht darin, daß sie — von außen gesehen — die volle Gleichberechtigung besitzen und, wie manche glauben, einen unverhältnismäßig großen Anteil an der Macht. Tatsächlich sind sie dem Untergang geweiht. 255