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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 252

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
Date
1935-09-01
Page
252 (sequence 8)
Language
German
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Carl Landauer jüdischen Bekenntnisses amerikanischer Zionisten oder Nichtzionisten zu zweifeln wäre. Diese Bekenntnisse sind so ehrlich und so ernstgemeint und so sehr auch durch Taten bekräftigt, wie man das nur irgend erwarten kann. Aber sie sind Bekenntnisse von Menschen, die den Konflikt zwischen Zugehörigkeit zur Stammesgemeinschaft und Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft mit Menschen anderer Abstammung nicht oder nicht mehr kennen. Nationaljudentum im amerikanischen Raum bedeutet etwas völlig anderes als Nationaljudentum in einem europäischen Land. Man kann sich durchaus vorstellen, daß in 50 Jahren ein Judentum, das sich religiös vom Protestantismus nicht mehr sehr unterscheidet, das durch Mischehen und engste gesellschaftliche Beziehungen mit dem christlichen Amerika verbunden ist, unter dem Beifall dieses christlichen Amerika mehr als je für Palästina arbeitet und zahlt, den notleidenden Juden der ganzen Welt hilft und Akademien für jüdische Geschichte gründet. Es handelt sich gar nicht darum, ob das zu wünschen ist, sondern welche Kräfte für und gegen einen solchen Zustand wirken. Es gibt in Amerika Bestrebungen, die auf Kulturautonomie der einzelnen eingewanderten Volksteile abzielen. Sie werden zum Teil bewußt von jüdischer Seite unterstützt. Aber angenommen, sie hätten Erfolg: was würde das für die Juden bedeuten? Denn die Juden hindert ja niemand, nach ihrer Tradition zu leben. Nur ist die jüdische Tradition, die sie mitbekommen haben, für Amerika unbrauchbar und stirbt ab. Um einen kulturell autonomen Körper zu bilden, müßten sie also auf amerikanischem Boden eine neue jüdische Kultur entwickeln. Das ist eine unlösbare Aufgabe. Aber kann diese Kultur nicht von Palästina kommen? Die verwirklichte Idee der jüdischen Heimstätte ist dem gedrückten Juden anderer Länder ein Symbol seiner Hoffnungen, ein Symbol der Regeneration, der Möglichkeit eines natürlichen Daseins, die Bestätigung, daß es für ihn und seine Kinder eine Heimstätte gibt. Der amerikanische Jude hat die Idee lieb, weil er will, daß alle Juden eine solche Hoffnung und Zuflucht haben sollen. Aber was kann diese Heimstätte für ihn persönlich bedeuten? Hoffnung oder Zuflucht braucht er nicht anderswo zu suchen. Er ist schon einmal befreit worden, als er von Rußland oder Rumänien nach dem neuen Kontinent kam. Für jüdische Siedlung und Berufsumschichtung finden sich Ansätze in Amerika selbst, die sehr entwicklungsfähig sind. Die Wahrscheinlichkeit, daß Palästina kulturell das amerikanische Judentum maßgebend beeinflussen wird, ist viel geringer, als die Aussicht auf eine beherrschende Rolle des Palästina-Gedankens im deutschen Judentum selbst ohne die Krise von 1933 gewesen wäre. Man braucht dabei noch gar nicht an die Sprachverschiedenheit zu denken — das amerikanische Judentum, soweit es sich nicht auf Englisch beschränkt, spricht jiddisch und wird 252

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