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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 251

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
Date
1935-09-01
Page
251 (sequence 7)
Language
German
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Amerika: Wirklichkeit und Ausblick denere Ansprüche an Einwanderer als andere Länder. Es ist eine Art Bekenntnisstaat. Wer ins amerikanische Volk aufgenommen werden will, von dem verlangt man nicht nur Einfügung in die Verhältnisse und strikte Beobachtung der Landesgesetze, sondern auch Bejahung der Grundgedanken, auf denen der amerikanische Staat beruht. Aber Amerika ist keineswegs ein Nationalstaat. Wenn der Einwanderer englisch lernt, so daß er die Gesetze und die Geschichte des Landes verstehen kann, wenn er sich nicht vom Gemeinschaftsleben zurückzieht, sondern Interesse am öffentlichen und sozialen Leben bekundet, wenn er in seiner Lebenshaltung nach aufwärts zum „American Standard" strebt, dann ist er ein guter Bürger und mag im übrigen die Tradition seiner Herkunft pflegen, wie es ihm beliebt. Gewiß, das puritanische Neuengländertum hat manchmal versucht, seinen Typ als den schlechthin amerikanischen zur Geltung zu bringen. Aber diese Versuche sind aussichtslos, schon weil sie logisch zur Verneinung des Amerikanertums, nämlich zu seiner Gleichsetzung mit dem Engländertum führen müßten. Auch jene bekannte „Schmelztiegel"-Theorie, die aus dem Zusammenfluß ganz verschiedener Volkselemente den Einheitsamerikaner bewußt schaffen wollte, ist längst fallen gelassen. Die höchst erfolgreiche Erziehungsarbeit der amerikanischen Schule und anderer „ Amerikanisierungs"-Einrichtungen wird mehr und mehr darauf beschränkt, ein gemeinsames Bürgergefühl zu entwickeln und die Größe des Gedankens zu lehren, daß in einem großen Staat Menschen ganz verschiedener Herkunft zusammenleben und einander als Brüder und Mitbürger achten. Inwieweit sich dabei ein einheitlicher Kulturtyp herausbildet, bleibt ein Problem für Geschichtsphilosophen und Soziologen, ohne unmittelbare Beziehung zur praktischen Politik. In dieser Lage ist ein nationaljüdisches Bekenntnis eine so einfache Sache, daß es wenig besagt. Warum soll ein Jude sich nicht mit dazu rechnen, wenn von „the Jewish people" die Rede ist — es ist wohl kein Zufall, daß man diesen Ausdruck, dessen Bedeutung zwischen den Begriffen „das jüdische Volk" und „die jüdischen Leute" schwebt, so viel häufiger hört als die eindeutige Wendung „the Jewish nation". Warum soll ein Jude sich nicht für Palästina begeistern, wenn die amerikanischen Iren mit glühendem Herzen teilnehmen am Schicksal Irlands, wenn amerikanische Italiener sich über Mussolinis Politik nicht weniger ereifern als über Roosevelts New Deal, und wenn die Amerikaner britischer Herkunft nicht nur die Weisheit englischer Diplomatie mehr rühmen als die Engländer, sondern über einem englischen Krönungsjubiläum vorübergehend alle Sorgen amerikanischer Politik fast zu vergessen scheinen? Es wäre ein schweres Mißverständnis, diese Feststellungen so zu deuten, als ob ihretwegen an der Ernsthaftigkeit des national- 251

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