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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 253

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
Date
1935-09-01
Page
253 (sequence 9)
Language
German
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Amerika: Wirklichkeit und Ausblick also noch nicht einmal die hebräischen Zeitungen und Bücher Palästinas lesen können. Gewiß, ein starker geschlossener Wille könnte alle diese Hindernisse überwinden. Wäre der amerikanische Jude Nationaljude nicht nur in dem Sinn, daß er sich seiner Eigenart bewußt ist, wäre er darüber hinaus bereit, bei aller Loyalität gegen Amerika seinen Aufenthalt hier als einen zeitweiligen zu betrachten oder zu wünschen, daß er nur zeitweilig sei, dann wäre der geistige Anschluß: an eine hebräische Palästinakultur zu finden. Es /gibt amerikanische Juden, die so empfinden. Wenn es gestattet ist — mangels aller objektiven Anhaltspunkte — ein rein subjektives Urteil auszusprechen, so ist ihre Zahl ein kleiner Bruchteil der jüdischen Bevölkerung. Im Leben der meisten amerikanischen Juden von heute — oder ihrer Väter — gab es zwei Höhepunkte: ihre Landung in Amerika, als sie dem Druck entronnen waren, der in Osteuropa auf ihnen gelastet hatte, und der Tag, an dem sie mit dem amerikanischen Bürgerrecht die Bestätigung empfingen, daß sie nie mehr dorthin zurückkehren müßten, wo Juden entrechtet waren. Amerikanisches Staatsgefühl ist — weil es mit dem Erlebnis menschlicher und bürgerlicher Freiheit verknüpft ist — für die große Mehrzahl der ehemaligen Ostjuden etwas so Elementares, daß im offenen Konflikt damit keine andere Empfindung sich durchsetzen kann. Ob man diese Feststellungen vom jüdischen Standpunkt bedauern will oder nicht — jedenfalls weisen sie auf eine Gefahr für das Dasein der amerikanischen Juden im rein Menschlichen hin. Assimilation, wie immer man diesen Begriff verstehen mag, setzt einen kulturellen Typ voraus, dem man sich assimiliert. Nun leben in Amerika natürlich sehr, sehr viele hochkultivierte Menschen. Aber gibt es schon eine festumrissene amerikanische Kultur? Der Beobachter und auch der Bewunderer Amerikas hat doch oft das Gefühl, daß die Menschen hier bisher in der Hauptsache Engländer, Deutsche, Norweger, Italiener geblieben sind, gewiß alle mit einem gemeinsamen oder doch ähnlichen Zug, der aber nur einen Teil ihres Wesens ergreift. Es ist vortrefflich, daß man nicht alle diese verschiedenen Menschen voreilig in den Schein einer amerikanischen Nationalkultur hineinzwängt. Aber viele amerikanische Probleme können keine Endlösung finden, wenn nicht diese amerikanische Kultur schließlich doch entsteht. Für die aus Osteuropa gekommenen Juden ist das besonders wichtig. Die anderen können sich schlimmstenfalls auf ihr Britentum, auf ihr Deutsch- Arn erikanertum, auf ihr Italienertum mit amerikanischer Note zurückziehen. Aber die polnischen Juden können nicht Polnisch- Amerikaner werden, und wie sie Jüdisch-Amerikaner werden sollen, ist eben nicht abzusehen. Wenn das große geschichtliche Experiment der amerikanischen Nationalkultur mißlingt, sind sie in 253

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