Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Landauer rer und der Pastor einer protestantischen Gemeinde. Er steht auch in engem Zusammenwirken mit den christlichen Geistlichen, und die Idee der interkonfessionellen „religious fellowships" scheint an Boden zu gewinnen. Der Rabbiner nimmt, wie der christliche Geistliche, zu allen Fragen des öffentlichen Lebens Stellung, von der Abrüstung angefangen bis zur Entscheidung von Arbeitsstreitigkeiten. Er wird eingeladen, vor christlichen Kirchengemeinden zu sprechen und lädt oft auch einen evangelischen Priester in die Synagoge ein. Das alles gilt natürlich nicht für die orthodoxen Gemeinden, aber diese sind ja auch für die Zukunft des amerikanischen Judentums nicht sehr wichtig. Die Zusammenarbeit religiöser Führer und Organisationen ist eine Quelle gegenseitigen Verstehens und wertvollster Einflüsse. Wenn man nun aber fragt, wie sie sich auf die Erhaltung des Judentums auswirkt, so muß die Antwort wohl sein, daß sie dazu beiträgt, das religiöse Bewußtsein der Juden einem freien Protestantismus anzunähern. So verlieren die religiösen Bindungen an Wirkungskraft. Treten nationaljüdische an ihre Stelle? Wer die Antwort nur an der Mitgliederbewegung der zionistischen Gruppen und an der Opferbereitschaft für Palästina, überhaupt an Bekundung jüdischen Solidaritätsgefühls ablesen wollte, der müßte sie in positivem Sinn geben. Es ist vielleicht das größte Hemmnis für den Fortschritt der Reformsynagogen, daß sie dem Zionismus kühler gegenüberstehen als die sogenannten konservativen. Aber was bedeutet Nationaljudentum für den amerikanischen Juden? Seine Stellung zu dieser Frage ist von Anfang an eine viel natürlichere gewesen als die der meisten Juden in Europa. Nichts drängte ihn zu der Vorstellung, daß ihn „von seinen christlichen Mitbürgern nichts trenne als sein Glaube". Der größte Teil der deutschen Juden rechnet sich zum Deutsch-Amerikanertum; noch heute wird in ihren Kreisen mehr deutsch gesprochen und vor allem mehr deutsch gelesen als sonst irgendwo in Amerika. Aber das ist hier, außerhalb des deutschen Nationalstaates, zwanglos und ohne jede Problematik vereinbar mit dem Bewußtsein jüdischer Eigenart. Noch klarer liegt der Fall für die ehemaligen Ostjuden. Niemand hält sie für Polen oder Litauer oder Rumänen, sie sind natürlich — Juden. Soweit also Nationaljudentum die Betonung einer Eigenart gegenüber dem Volk des Herkunftslandes bedeutet, ist es in der Mehrzahl der Fälle selbstverständlich und in der Minderzahl eine rein individuelle Angelegenheit, die jedermann nach persönlichem Empfinden ohne schwere Konflikte entscheiden oder offen lassen kann. Im Verhältnis zu Amerika bedeutet ein Nationaljudentum, das nur betontes Bekenntnis jüdischer Eigenart ist, überhaupt nichts Trennendes. Amerika stellt als Staat zugleich höhere und beschei- 250