Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 249 (sequence 5)
- Language
- German
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Amerika: Wirklichkeit und Ausblick Das amerikanische Judentum ist aus drei Einwanderungswellen entstanden. Vor dem Unabhängigkeitskrieg kamen spanische und portugiesische Juden. Sie zerstreuten sich über das Land; der spezifisch jüdische Inhalt ihres religiösen Lebens verdünnte sich, ihre Gewohnheiten glichen sich denen der Angelsachsen an, und sie gingen zum großen Teil in ihnen auf. Dann kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine starke Einwanderung aus Deutschland. Die deutschen Juden zerstreuten sich über das Land, der spezifisch jüdische Inhalt ihres religiösen Lebens verdünnte sich, und ein erheblicher Teil ging im Deutschamerikanertum und Angelsachsentum auf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im 20. kam ein riesiger Strom von russischen, polnischen und rumänischen Juden. Sie zerstreuten sich nicht so sehr, bilden noch heute das große New-Yorker Ghetto, aber auch ihre Lebensgewohnheiten passen sich denen der übrigen Amerikaner an, auch ihre religiösen Formen unterliegen zum mindesten einer Wandlung. In welchem Sinn werden und können sie — mit ihnen die Reste sephardischer und deutscher Juden — in Zukunft Juden bleiben? Eine genaue Antwort auf diese Frage ist unmöglich, weil niemand wissen kann, wie stark die Tendenzen zu kultureller Einheit im amerikanischen Volk sich auswirken werden. Aber zweierlei kann man wohl feststellen: Erstens: Die Orthodoxie ist ohne ständige Immigration aus Osteuropa auf amerikanischem Boden lebensunfähig. Noch 1932 war allerdings unter den drei religiösen Richtungen — orthodoxe, konservative (im europäischen Sinn eher liberal zu nennen) und Reformgemeinden — die orthodoxe die zahlenmäßig stärkste. Aber sie besteht fast ausschließlich aus Ostjuden der ersten Einwanderergeneration. Schon die zweite Generation wendet sich den konservativen Synagogen zu, der auch noch ein Teil der deutschen Juden angehört. Die Reformgemeinden, die fast ausschließlich von deutschen Juden gegründet sind, gewinnen fast überall an Boden. Wie immer man diese Entwicklung werten will, sie erleichtert jedenfalls das Aufgehen jüdischer Bevölkerungsgruppen in einem allgemeinen Amerikanertum. Zweitens: Ein Absterben der jüdischen Gemeinden durch Indifferenz oder Taufe ist unwahrscheinlich. Zur Taufe aus Opportunitätsgründen fehlt die Versuchung. Die Synagoge scheint in die gleiche soziale Rolle hineinzuwachsen, die die Kirche im Leben des christlichen Amerikaners einnimmt: ein Mittelpunkt für gemeinsame, vertiefte Betrachtung aller Lebensfragen zu sein. Das ist eine schöne und der jüdischen Tradition gewiß entsprechende Aufgabe, aber sie wirkt sich im Amerika von heute natürlich ganz anders aus als einst im europäischen Ghetto. Der Rabbiner hat zum großen Teil die gleichen Aufgaben wie der katholische Pfar- 249