Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 248 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895546-2905288--08213-2905346- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Carl Landauer hat.) Lernen und Lehren ist etwas, was die Juden verstehen. In der Masseneinwanderung seit den 80er Jahren, die hauptsächlich Slawen, Italiener und Juden umfaßte, stellten die Juden das geistig geschulteste Element dar. Sie haben Außerordentliches dazu beigetragen, die amerikanischen Universitäten und anderen Lerninstitute den europäischen ebenbürtig zu machen — ein Ziel, das den angeblich materialistischen Amerikanern wichtiger war als mancher Erfolg in Wirtschaft oder Politik. Aber nicht nur die Leistungen der Juden in Lehre und Forschung, sondern ganz allgemein ihr Beitrag zum geistigen Leben wird als höchst wertvoll empfunden. „Der Jude hat Farbe ins amerikanische Leben gebracht. Er ist nicht ein stumpfer, mittelmäßiger, philisterhafter Mitbürger. Er hat geistige Kraft, Phantasie, er wagt sich an Probleme."1) Die Gefahr des amerikanischen Lebens aber ist die Langeweile. Das Leben ist in seinen äußeren Bedingungen nicht mehr abenteuerlich, der geschäftliche Erfolg wird als alleiniges Lebensziel nicht mehr sinnvoll empfunden, der Sport hat in seinen meisten Zweigen an Interesse verloren (an amerikanischen Universitäten, kann man allerorts hören, interessieren sich nur mehr die alten Herren und die ersten Semester intensiv für Fußball). Eine ganz breite Schicht von Amerikanern sehnt sich nach intellektueller Spannung, nach geistigem Kampf um wesentliche Fragen. In jüdischen Häusern finden die Amerikaner Kultur der Diskussion, an den Universitäten sind es oft gerade die jüdischen Studenten, die den Anstoß zu einem ernsten Kampf der Meinungen geben. Was in Europa oft als jüdischer Intellektualismus gehaßt wird, ist hier dem besten Teil des Volkes — und gerade der Jugend — als lebenschaffender Reiz willkommen. Manches an dieser Sachlage mag sich ändern, manche Reibungen mögen neu entstehen. Aber die Toleranz als objektive amerikanische Staatsnotwendigkeit wird bleiben. Auch der Wille zur Toleranz, ohnehin tief verankert im angelsächsischen Geist, wird eher noch bewußter und stärker werden, es sei denn, daß die heutige liberale Tendenz in der amerikanischen Gesamtpolitik zu Enttäuschungen führt und sich damit die Haltung des amerikanischen Volkes und besonders seiner Jugend zu den Grundfragen von Staat und Gesellschaft ändert. Das ist zwar nicht unmöglich, aber in hohem Maße unwahrscheinlich. So ist die äußere Lage der Juden in diesem Land, das fast ein Viertel der jüdischen Bevölkerung der Erde umfaßt, nach menschlicher Voraussicht gesichert. Wie steht es mit der inneren Entwicklung des amerikanischen Judentums? J) Aus der ausgezeichneten Geschichte des amerikanischen Judenturas „The Jews come to Amerika" von Paul Masserman und Max Baker, New York W32. 248