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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 247

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
Date
1935-09-01
Page
247 (sequence 3)
Language
German
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Amerika: Wirklichkeit und Ausblick und die Juden haben an der Geschichte des Landes einen rühmlichen Anteil gehabt, seit das Land als Siedlungsgebiet für Weiße überhaupt erschlossen wurde. Die Juden sind eine Rasse unter sehr vielen. Die ungeheure staatspolitische Leistung, ein Gemisch von Menschen der verschiedensten Sprachen und Stämme in öffentlichen Körperschaften zu organisieren und zu friedlichem Nebeneinanderleben zu erziehen, konnte nur durch eine geradezu rücksichtslose Durchsetzung des Toleranzprinzips in der staatlichen Sphäre liegen. Wer etwa in San Francisco — von dem „unamerikanischen" New York gar nicht zu reden — auf einem Schulspielplatz das Gewimmel der Kinder sieht, schwarze und weiße, Japaner, Chinesen und Mexikaner, hier ein Junge mit deutschem Akzent, dort einer mit italienischem oder spanischem oder französischem oder ostjüdischem Englisch, und alle harmlos spielend mit anderen, die das amerikanische Lausbubenenglisch mit den gurgelnden R's oder das vornehme „englische" Englisch von Massachussets oder Vermont sprechen, der versteht, warum der Amerikaner das Prinzip, daß im Staat jeder — formell wie tatsächlich — gleichberechtigt sein muß, als einen unantastbaren Grundsatz betrachtet. Das Volk würde auseinanderfallen, wenn der Staat nicht absolut unparteiisch bliebe. Die Negerverachtung des Südens, historisch entstanden aus einem Überlegenheitsgefühl der Herren über ihre Sklaven und verschärft durch die Niederlage der Herren im blutigen Bürgerkrieg (und noch mehr durch ihre tiefe Demütigung in der sogenannten Rekonstruktionsperiode), ist eine Ausnahme und isoliert heute im Leben der Gesamtnation mehr den Süden als den Neger. Es gibt gelegentlich eine Propaganda, die den Verdacht staatspolitischer Unzuverlässigkeit gegen eine Minderheitsgruppe richten will, z. B. Erzählungen, daß die japanischen Fischer in Kalifornien Spionage treiben oder daß die irischen Katholiken mit dem Papst gegen Amerika konspirieren. Aber selbst eine Agitation dieser Art geht selten bis zum Verlangen einer Minderung staatsbürgerlicher Rechte, und wenn sie es tut, wird das von einer überwältigenden Mehrheit als unamerikanisch mit größter Schärfe zurückgewiesen. Die Notwendigkeit staatlicher Toleranz hat natürlich die Lage der Juden von vornherein erleichtert. Dazu kam, daß sie viele Qualitäten mitbrachten, die in Amerika ganz besonders wertvoll waren. Vor allem unterstützten sie die Staatsgewalt in ihrem Kampf gegen die Gewaltverbrecher, die Pest des amerikanischen öffentlichen Lebens. Ferner: das amerikanische Volk glaubt mehr als irgendeine europäische Nation an den Segen des Lernens, Es gibt eine Million Studenten in USA, und in vielen Staaten besuchen praktisch alle Kinder die höheren Schulen. (Es ist eines der interessantesten Probleme, wieso daraus nicht unerträgliche Verhältnisse entstehen — und wieso dieses ungeheure pädagogische und soziologische Experiment in Europa so wenig Beachtung gefunden 247

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