Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Landauer In keinem Land hat also die Judenfrage im rein numerischen Sinn größere Bedeutung. In keinem Land existiert sie weniger im politischen Sinn. Es gibt Antisemitismus gesellschaftlicher Art. Aber die Emanzipation ist nicht nur völlig ungefährdet, sie ist nicht einmal ein theoretisches Diskussionsobjekt. Manche amerikanischen Juden, plötzlich hellhörig geworden durch europäische Ereignisse, äußern die Sorge, ob nicht die judenfeindlichen Strömungen in Wirklichkeit stärker seien als sich in ihrer Auswirkung vorerst erkennen lasse. Aber alle Versuche, eine antisemitische Bewegung größeren Umfangs zu organisieren, sind gescheitert. Der Ku Klux Klan, der nach dem Krieg mit seiner antisemitischen und antikatholischen Propaganda vorübergehend lokale Erfolge erzielte, ist ebenso zusammengebrochen wie die Agitation des von Henry Ford kontrollierten „Dearborn Independent". Der gesellschaftliche Antisemitismus ist stark genug, um die Aufnahme der Juden in manche feinen Klubs und in viele Studentenverbindungen zu verhindern; eine Stiftungsuniversität wie Harvard, die neben wissenschaftlichen Zielen eine besondere Erziehungsaufgabe verfolgt und glaubt, dafür einer besonderen sozialen Geltung zu bedürfen, hält, wie sie überhaupt die Zulassung nach besonderen Auswahlprinzipien handhabt, einen inoffiziellen numerus clausus aufrecht. Aber die wirklich wichtigen Vereinigungen stehen Juden wie Christen offen, ebenso die wissenschaftlichen Studentengruppen, die heute viel einflußreicher sind als die Verbindungen; freie Zulassung zu Staatsuniversitäten ist selbstverständlich, auch wenn, wie im Staat New York, dadurch die jüdischen Studierenden zahlenmäßig überwiegen. Gewiß sind die Einwanderungsbeschränkungen der Nachkriegszeit auch gegen den Zustrom osteuropäischer Juden gerichtet gewesen. Aber sie sind nur ein Teil einer amerikanischen Bevölkerungspolitik, die erstens aus wirtschaftlichen Gründen die Zulassung Fremder zahlenmäßig beschränken und zweitens die gegenwärtige nationalkulturelle Zusammensetzung des amerikanischen Volkes unabhängig von Gewichtsverschiebung innerhalb der Einwanderergruppen erhalten will; praktisch trifft man mit voller Absicht die italienische und slavische Einwanderung mindestens so sehr wie die ostjüdische. Bestünde in Amerika eine elementare Judenfeindschaft nennenswerten Umfangs, so hätten die USA nicht zwischen 1881 und 1914 fast 2 Millionen Juden aus Osteuropa — die jüdische Einwanderung aus Deutschland und Westeuropa war unbedeutend geworden — Asyl gewährt und auch dann noch das Tor keineswegs völlig geschlossen. Freilich sind fast alle geschichtlich-soziologischen Bedingungen dem Antisemitismus von vornherein ungünstig gewesen. Das Land war jung und ist es noch heute. Wer sich als Alteingesessenen betrachtet, ist immer noch ein Abkömmling von Einwanderern, 246