Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Amerika: Wirklichkeit und Ausblick
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 245 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Landauer (Berkeley, Kalifornien): Amerika: Wirklichkeit und Ausblick Die Vereinigten Staaten sind das größte Judenland der Erde. Sie sind zugleich ein Land, in dem die Juden völlige rechtliche Gleichstellung genießen und in dem die tatsächliche Gleichstellung eher noch weniger Einschränkungen unterliegt als in Westeuropa. Kein Land hat so viele Juden überhaupt und nur wenige haben einen so hohen jüdischen Bevölkerungsanteil (4,2 Millionen, 3,6 o/0). In der Stadt New York leben 1,8 Millionen Juden, mehr als ein Viertel der Einwohnerschaft. Auch sonst haben die östlichen und nordöstlichen Staaten der Union einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil (meist 4—5o/o). Dagegen ist der Süden und der äußerste Westen judenarm. Auch in den meisten Gebieten des mittleren Westens gibt es wenige Juden, doch sind hier einige jüdische Zentren vorhanden, darunter Chicago mit 325 000 Juden in einer Gesamtbevölkerung von 3,38 Millionen. New York ist, obwohl hier Juden aller Klassen leben, vor allem wichtig als Stadt der jüdischen Proletarier, die hier die am meisten ausgebeutete Arbeitergruppe stellen (Heim- und Fabrikarbeiter der Textil- und Konfektionsbetriebe). Sie sind Ende der 80er Jahre von Morris Hillquit unter tatkräftiger Mithilfe der deutschen Gewerkschaften New Yorks in den United Hebrew Trades organisiert worden und bilden seitdem einen starken Rückhalt für die ganze amerikanische Arbeiterbewegung. Obwohl der ostjüdische Handwerker als Arbeiter fast in allen Teilen der Vereinigten Staaten zu finden ist, trägt die jüdische Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit mittelständischen Charakter. Der Anteil der Juden am industriellen Unternehmertum ist nicht sehr groß. Auch im Bankgewerbe spielen sie, wie in England, keine führende Rolle (trotz Warburg, Kuhn-Loeb und Speyer & Co., die meist nur bestimmte Zweige des europäisch-amerikanischen Geschäfts pflegen). Es gibt 80 000 jüdische Farmer. Der größte Teil der amerikanischen Juden findet seinen Unterhalt im Handel und verliert sich für das Auge auch des geschulten Beobachters in der sehr großen Zahl von kleinen und mittleren Kaufleuten britischer, deutscher, italienischer und irischer Herkunft. Einen sichtbar großen Anteil haben die Juden, wenn man von Spezialitäten absieht, nur in den intellektuellen Berufen. 245