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Der Morgen · 1935-09-01 · Heft 6-7 (September 1935) · p. 243

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 6-7 (September 1935)
Article
Judentum in der Welt
Date
1935-09-01
Page
243 (sequence 3)
Language
German
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Judentum in der Welt uns erstehen, so vielgestaltig und widerspruchsvoll, daß sich der eifernde Rabbi in Karpatho-Rußland gegen das ordnende Prinzip gleichsam zu sträuben scheint, das ihn mit dem schöngeistigen Prager Dichter in eine wie immer geartete Einheit zusammenschließt. Polen stellt jenseits von Romantik und Ressentiment die Zukunftsfrage dieses größten noch gebliebenen Menschen- und Kräftereservoirs; Frankreich und England wägen Armut und Reichtum ihrer jüdischen Bestände; Hollands freies und doch bewußtes Judentum liefert aufschlußreiche Theorien für die Möglichkeit jüdischen Lebens in der Diaspora; von der Katastrophe des russischen Judentums spannt sich der Bogen der Geschichte zu der neuen aufstrebenden Massensiedlung in Nordamerika. Vielfältig wie die Länder, die gezeigt werden, sind auch die Blickpunkte ihrer Darsteller. Während der eine sich bemüht, die Toleranz eines bestimmten Staatsvolkes in aller Gründlichkeit aus dem geschichtlichen Werden abzuleiten, genügt es einem andern, ihr Vorhandensein als eine nicht näher zu untersuchende, gleichsam eigens zum Wohle der Juden des Landes von Gott gewollte Tatsache festzustellen. Hier wird das „Gesetz der Zahl", das traurige Begleitmotiv jüdischer Diasporaexistenz, das die Juden nur auf Kosten der nicht oder „nicht zu zahlreich" anwesenden Mitjuden zu äußerem Wohlergehen gelangen läßt, als überall unterschiedslos maßgebend hingestellt; dort steigen die absoluten und relativen Zahlen der jüdischen Einwohnerschaft zu beträchtlicher Höhe, ohne — glücklicherweise! — auch die Judenfeindschaft der Umgebung emporschnellen zu lassen. So gilt im Grunde jede mit noch so starkem Anspruch auf Allgemeingültigkeit aufgestellte Behauptung nur für sich allein, — es sei denn, daß man es selbst unternimmt, sie in aller gebotenen Vorsicht mit der gegenteiligen zu konfrontieren. Findet man dann nämlich, daß der Rätsel kein Ende ist, daß sich Gegensätze berühren, daß Vorhersagen in Irrtum enden müssen, — dann ist auch schon der Sinn des Heftes erfüllt: dann ist das Spiegelbild geborsten, das unsere Augen mit Untergang blendete, wohin wir auch rings um uns blickten. Unsere durch eigenes Erleben geschärfte Beobachtungsfähigkeit für die Entwicklungsrichtung der Judenheiten anderer Länder kann nur dann fruchtbar gemacht werden, wenn sie nicht zerstört, sondern aufbaut. Sie darf sich nicht dazu verleiten lassen, wahllos zu verwerfen, was nicht durch die eigene harte Schule gegangen ist und sich auf einem gleichgerichteten Wege befindet. Vor der Wucht der jüdischen Existenz in allen ihren Erscheinungsformen, 243

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