Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum in der Welt
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum in der Welt vor der Realität dieser 16 Millionen Juden in der Welt hat jeder einseitige Doktrinarismus zu verstummen. Aus der Torheit bedenkenloser Entwicklungsfreudigkeit sind wir in Gefahr, in die entgegengesetzte Torheit zu verfallen: in die Verzweiflung an jeder weiteren Entwicklungsmöglichkeit überhaupt. Mit einem Federstrich sind wir bereit, Werte preiszugeben, die Leben und Zukunft der großen jüdischen Masse umfassen, nur weil uns selbst vor der Zukunft bange geworden ist. In diesem Heft ist nicht von Palästina und nicht von Deutschland die Rede, wenigstens insoweit nicht, als beiden Ländern keine besonderen Aufsätze gewidmet sind. Aber man könnte auch ■ — nur scheinbar paradox — sagen: in diesem Heft ist überall von Palästina und von Deutschland die Rede. Der Palästinagedanke prägt in jedem einzigen Beitrag die Hoffnung auf Wiedererstarkung jüdischen Bewußtseins. Ganz gewiß nicht im Sinne einer tatsächlichen Auswanderung, — im Gegenteil: bis auf die Länder akuter Judennot im Osten haben wir es durchweg mit seßhaften und ihres Bleibens frohen jüdischen Gruppen zu tun. Aber das Bewußtsein des werdenden Palästina tritt uns überall als eine der stärksten gemeinschaftsbindenden Kräfte entgegen, die die Wankenden und Absinkenden wieder um eine geistige jüdische Mitte zu sammeln im Begriff steht. Der Grundgedanke des Heftes aber, sein Ausgangspunkt und sein Anliegen: die Frage, ob Diaspora jüdisch, leben kann, auch heute noch oder vielleicht heute schon wieder, — sie konnte nur im Deutschland unserer Tage Gestalt gewinnen. Der Maßstab aller Betrachtungen, das, was die trotz allem sichtbare Einheit in der Vielheit ausmacht, ist nur zu verstehen aus der inneren jüdischen Situation jetzt und hier. Das seelische Erleben des Judentums in Deutschland, sein Ringen um die historische Einordnung seines Schicksals ist der eigentliche Gegenstand aller Untersuchungen. Von ihm selbst freilich, von seinem Wesen und seiner Eigenart wird nichts ausgesagt. Aber wenn man dem, was aus den verschiedenen Zentren berichtet wird, gerade da, wo es am stärksten ist und am rühmlichsten, die eigene Leistung stillschweigend an die Seite stellt, so wird sie auf keinem Gebiete den Vergleich zu scheuen brauchen. Ein Blick über das Judentum in der Welt soll so gerade im Angesicht der bevorstehenden Feiertage zugleich Mahnung und Aufrichtung bewirken. E. R.-J. 244