Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Judentum in der Welt
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum in der Welt sie sich auf den Flügeln der Emanzipation erhoben haben über die Not und Enge des Ghettos, wie weit aber auch in der Schwungkraft und Selbstüberhebung der Fliegenden sie abgewichen sind von der ewigen Richtschnur des Judentums. Wir stellen fest, daß beide Bewegungsrichtungen — die hinauf in die bürgerliche Freiheit und die hinweg von der jüdischen Lebensnorm — einander vielfach zu entsprechen scheinen, als ob ein gemeinsames Gesetz über ihnen walte: daß überall dort, wo die Judennot aufhört, die Not des Judentums beginnt. So sind wir, umgekehrt wie die Gestalt des Märchens, dazu verurteilt, überall in der Welt dem Spiegelbild unseres eigenen Schicksals ins Auge zu blicken. Wir wissen nicht, ob das, was wir da sehen — mit unsern leidumschatteten, aber doch unerbittlich forschenden Augen sehen — Vision ist oder Wirklichkeit. Wir wissen nur, daß der Ernst dieser Fragen, die einmal in uns aufgestanden sind, uns nicht mehr losläßt: Besteht ein Zusammenhang zwischen äußerem Aufstieg jüdischer Menschen und ihrem inneren, jüdischen Niedergang? Ist dieser Zusammenhang unentrinnbar? Umfaßt der jüdische Substanzverlust in erster Linie die religiöse Kraft, oder löst er mit Notwendigkeit auch die außerreligiösen Bindungen wie Tradition und Sitte, nationale Merkmale, Erbanlagen des Körpers und des Geistes? Sind die allenthalben feststellbaren Gegenwirkungen stark genug, um den Verfall aufzuhalten? Und schließlich die Frage, mit der das Gedachte zur Tat werden will: wir alle, die wir uns aufgerufen fühlen, zum Leben zu wirken und nicht zum Tode — wo haben wir anzupacken? Was können wir tun? Ein Heft wie das vorliegende, in dem versucht wird, von einer großen Anzahl geographischer und grundsätzlicher Standpunkte aus heutiges jüdisches Leben in seiner Fülle und in seinen Widersprüchen darzustellen, kann selbstverständlich diese Fragen nicht lösen. Eine so vermessene Zielsetzung wäre mit der Einsicht dessen, worum es hier in Wahrheit geht, nicht einmal vereinbar gewesen. Aber dieses Heft gibt auch mehr als nur Material. Es trägt Daten und Zahlen zusammen, Schicksale und Gestalten, Verhängnisse und Hoffnungen. Es schildert uns den europäischen Norden, der seine „klassische Assimilation" durch zahlenmäßige Schwäche und homöopathische Verdünnung seines jüdischen Lebens erkauft hat, und im Süden Italien, dem fast geheimnisvoll plötzlich aus jüdischen Trümmern wieder Bejahung und Zukunftswillen zuwuchs. Wir sehen die jüdischen Menschen der Donauländer vor 242