Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Presseschau [Nachricht] / h. c.
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 233 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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waltige Aufgabe aus den Völkern heraus und ist geeignet, die Farbe, Stimmung und Richtung unseres Daseins von Grund auf im Sinn einer neuen Epoche zu verändern." Habe man erst einmal die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Richtung erkannt, so sei man sich auch darüber klar, daß die Vielfältigkeit der Völker nicht leide, wenn man ihre Vielstrebigkeit durch ein wachsendes politisches Einheitsbewußtsein versöhnt. „Wir schreiten in ein Zeitalter, das sich von allen vergangenen Zeitaltern gründlich unterscheidet. — Es ist dieser apokalyptische über Europa hinbrausende Sturm, dessen Blitze das Wissen um größte Wandlungen, Bewegungen und Verheißungen entzündet. Das gefährliche Licht wird strahlen über Arbeit, Staat, Kultur, Religion, Philosophie..." Die Berechtigung zu einer aktiven Beteiligung der Juden an der Literaturwissenschaft oder gar an der Literatur selbst wird ihnen von antisemitischer Seite bekanntlich grundsätzlich abgesprochen, da die Sprache ein rassebedingtes, völkisches Element sei. Prof. Hermann S e e 1 i - ger unternimmt in einem Aufsatz: „Jüdisches Schrifttum und jüdische Dichtung im Urteil unserer Literaturwissenschaft" (Deutschlands Erneuerung, Juniheft) nun einmal eine Sammlung und Sichtung der Stimmen nicht-jüdischer Literaturhistoriker über die literarischen Leistungen deutscher Juden. Bei älteren Arbeiten ist, wie der Verfasser schreibt, das Ergebnis seiner Suche gering, weil die früheren Beurteiler, bei aller abrückenden Kritik, darauf vertrauten, „daß die Assimilation infolge der liberalen Gesetzgebung alles ausgleichen werde und die Juden Deutsche werden würden" (Laube, Goedeke). Ein ungeteiltes Lob bekommt der „wackere und unerschreckbare Adolf Bartels", der in so herzerfreuend radikaler Weise vorgeht, „daß man unwillkürlich Bravo ruft, wenn man sieht, wie er in einem Leitfaden der deutschen Literatur für Buchhändler einfach alle Judenschriftsteller als nicht deutsche weggelassen hat....." Ihm am nächsten steht noch Wolfgang Menzel, der allerdings (wie die Mehrzahl) nicht auf dem Rassenstandpunkt steht. G. G. Gervinus scheine nicht judenfreundlich gewesen zu sein, da er Mendelssohn nicht anders als Moses genannt und seine Schriften als theoretisch völlig wertlos beurteilt, bei der Romantik aber die Berliner Judenweiber und ihre Salons verdientermaßen durch völliges Übergehen bagatellisiert habe. Dagegen stehe A. G. Koberstein schon stark im Banne der jüdischen Legende, er zitiere Henriette Herz und übernehme kritiklos die Behauptung, daß die hochgebildeten Jüdinnen für die allgemeine Anerkennung Goethes von Bedeutung waren. Eine besondere Betrachtung widmet Seeliger dem Heinekult unter den deutschen Literaturhistorikern. Ausgenommen A. Bartels und Josef Nadler schwärmen, wie er sagt, alle für den Lyriker Heine: Vilmar sieht in ihm „ein schöpferisches Dichteringenium", Karl Barthel stellt fest, „daß Heines tiefe und echte Lyrik geradezu Goethe zunächst steht" und Adolf Stern, Heinrich Kurtz äußern sich in demselben Sinne. Es sei dabei allenfalls verständlich, wenn die ältere Literaturgeschichte Heine zu den Romanti- 233